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Full text of "Vindex. Forschungen ueber das Raethsel der mannmaennlichen Liebe"

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liber 



diuaien 



lannmannliche Ceschlechtsliebe. 



Erste Schrift fiber mannmannliche Liebe 

von 



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„Vindex." 



Social-juristische Studien 

fiber 

mannmannliche Geschlechtsliebe. 



Erste Schrift uber mannmannliche Liebe. 

Nachweis, 

I. dass sie ebensowenig Verfolgung verdient, als 

die Liebe zu Weibern; 

II. dass sie schon nacb den bestehenden Gesetzen Deutsch- 

lands gesetzlich nicht verfolgt werden kann. 

,,Gicb mir, \ro ich stchc : and euer 
„ System dcr Vcrfolgung hebe ich 
„aus seinon Angeln." 

N. ITum. 

Von 

Carl Heinrich UJrichs 

(Numa Numantius). 

well. KBnigl. Hannover. Amtsassessor. 



Mit einem Vorwort vereehen von I>r. med. Hirschfeld, 
Arzt in Charlotoenburg. 



<3?(B> 

LEIPZIG 

Verlag von Max Spohr. 

1898. 



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MAR 7 *2T 



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Inhalt 

der 

ersten Schrift fiber mannmannliche Liebe. 

Social-juristischer Theil. 
yy Vindex ff . 



Seite 

Vorwort 7 

Einleitnng 15 

Erster Abschnitt, 

Die Ungerechtigkeit der bisherigen Verfolgnngen mannmann- 
liclier Liebe, abgeleitet ans ihrem Angeborensein. 
I. Thatsachlichc Verbreitung mannmannlicher Liebe. § 1—6. 21 
II. Angeborensein mannmannlicher Liebe. §. 6 — 11. ... 24 

III. Naturwidrig and naturgemass. §. 12—18 26 

IV. Die Uobung angeborenor mannmannlicher Liebe ist weder 

verbrecherisch noch nnsittlich. Sie zn verfolgen ist 
daher gransam, nngerecht nndsinnlos. De lege 
ferenda. §. 19-34 29 

Zweiter Abschnitt, 

Jnristischer Nachwois, dass nach Deutschlands bestohen- 
den GesetzenUebimgangeborenermannmannlicher 
Liebe, als nnter den Begriff naturwidrigor Hand- 
lungen nicht fallend, straflos ist, and dass daher 
stiafrechtliche Untorsuchungen wegen solcher Uebung 
gesetzlich iiberhaupt nicht statthaft sind, beziehnngs- 
weise dass begonnene Untersnchungen sofort einzu- 
stellen sind. 
I. Yorhandene Uebe reins timmnng der lex lata mit der 

lex ferenda. §. 35-39 38 

II. Gesetzliche, der StaatsbehGrde obliegende, Beweislast nnd 
Inhalt des von ihr zu erbringenden, zn einer Bestrafung 
gesetzlich erforderlichen, Beweises. §. 40—43. ... 41 

III. UnmOglichkeit, diesen Beweis zn erbringen, nnd dem- 

nach gesetzliche Unzulassigkeit einer strafrechtlichen 
Unter8nchung. §. 44. 45 43 

IV. Widerlegnng eines Einwands. §. 46—64 45 



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Vorwort. 



Der SPOHR' SCHE VERLAG hat sich mit der nicht 
ohne Schwierigkeiten zu bewirkenden Neuherausgabe der 
Ulrichs'schen Werhe ein entschiedenes Verdienst erwor- 
ben. Waren doch diese Schriften so vergriffen und be- 
gehrt, dass fur einzelne derselben im Buchhandel der fiinf- 
zigfache Betrag ihres urspriinglichen Preises geboten wurde. 
Mit dem wachsenden Interesse, das nicht nur Aerzte und 
Juristen, sondern weite Kreise der Bevolkerung dem in 
Rede stehenden Gebiet entgegenbrachten, mit der steigen- 
den Ausdehnung der homosexuellen Litteratur mehrte sich 
begreiflicherweise das Verlangen, die Originalarbeiten 
kennen zu lernen, welche zu diesen Forschungen die leb- 
hafteste Anregung gegeben hatten. Schrieb doch v. Krafll- 
Ebing, der Verfasser der klassischen Psychopathia sexualis 
an Ulrichs selbst: 

„Graz, 29. Januar 1879. Das Studium Ihrer Schrif- 
ten iiber mannmannliche Liebe hat mich in hohem 
Masse interessiert, . . . . da Sie . . . . zum ersten Mai 
diese Thatsachen ftffentlich besprechen. Von dem Tage 
an, wo Sie mir — ich glaube es war 1866 — Ihre 
Schriften zusandten, habe ich meine voile Aufmerksam- 
keit der Erscheinung zugewendet, welche mir damala 
ebenso ratselhaft war, als interessant; nur die Kennt- 
nis Ihrer Schriften allein war es, was mich 
veranlasste zum Studium in diesem hochwich- 



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— 8 — 

tigen Gebiet und zur Niederlegung meiner Erfahr- 
ungen in dem Ihnen bekannten Aufsatz im „Archiv 
flir Psychiatric" 

Wenn wirheute das abgeschlossene Ulrich'sche Lebens- 
werk durchmustern, mtisseri wir mit wahrhafter Bewunder- 
ung den ungewfthnlichen Fleiss, die Vollstandigkeit aner- 
kennen, mit dem der Verfasser nicht allein vom juristischen, 
sondern auch vom naturwissenschaftlich-medizinischen, 
theologischen und philosophischen Standpunkt seinen 
Gegenstand erfasste. Es ist seit dem ersten Auftreten 
von Ulrichs viel in diesem Zweige der Wissenschaft 
geforscht und geschrieben worden, allein neue Gesichts- 
punkte sind kaum hinzugefiigt worden und mancher 
Autor, dem diese Werke nicht zur Verfiigung standen, 
wird jetzt erstaunt wahrnehmen, wie hier Auffassungen 
nicht nur angedeutet, sondern ausgearbcitet vorliegen, die 
er fur vollig neu ansah. Das gilt namentlich auch von 
der biologisch-embryologischen Erklarung der kontraren 
Sexualempfindung. 

Karl Heinrich Ulrichs, 1826 geboren, stammte aus 
einer hochangesehenen hann5verschen Juristen- und Be- 
amtenfamilie, der auch mehrere Geistliche angehorten. 
Ein naher Verwandter von ihm war einige Zeit hannover- 
scher Minister. Nachdem er schon als Gymnasiast eine 
ungemein vielseitige Beanlagung an den Tag gelegt hatte, 
und ihm in Gottingen fur seine Schrift: de foro recon- 
ventionis der akademische Preis zuerkannt war, wurde er 
im Alter von 22 Jahren fur seine Arbeit: de pace West- 
phalica von der juristischen Fakultat zu Berlin der gol- 
denen Medaille fur wiirdig befunden. 

Er beendete jedoch aus freien Stiicken schon als 
Amtsassessor seine Beamtenlaufbahn und lebte seinen ge- 
lehrten Neigungen entsprechend anspruchslos und unbe- 
helligt — in Hannover existierte damals kein § 175 — 
in dem kleinen Orte Burgdorf. Als Jurist und als 



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— 9 — 

Philologe in gleicher Weise bedeutend, beherrschte er 
vollkommen die klassischen Sprachen und veroffentlichte 
ausgezeichnete Uebersetzungen romischer Klassiker, wie 
er auch spater eigene lateinische Gedichte herausgab, bei- 
spielsweise Carmina auf den Tod Ludwig II. von Bayern. 

Im Jahre 1864 erschienen kurz nacheinander die ersten 
beiden Bande „iiber das Ratsel der mannmannlichen Liebe" 
„Vindex a und ,Inclusa% ersteres mehr juristischen, letz- 
teres mehr naturwissenschaftlichen Inhalts. Der Ver- 
offentlichung dieser Schriften war ein harter Kampf mit 
seiner Familie vorangegangen, die von der Publizierung 
seiner Ansichten aufs energisehste abgeraten hatte. Lange 
Jahre vor dem Erscheinen der Biicher hatte er in seinem 
so stark entwickelten Drange nach Wahrheit sich seinen 
Verwandten anvertraut. Die Briefe an seine Ange- 
horigen, welche uns jetzt vorliegen, — 6ie werden in 
dem ersten Jahrbuch fur homosexuelle Forschungen ab- 
gedruckt werden — wirken in ihrer Offenheit und Ge- 
diegenheit, in ihrer Schlichtheit und Eindringlichkeit 
geradezu erschiitternd. 

Seinen Verwandten zu Liebe verschwieg er sehr 
wider seine Natur auf den fiinf ersten Schriften seinen 
Namen und nannte sich „Numa Numantius," erst 1868 bei 
der Herausgabe von „Memnon ; " seinem Hauptwerke, warf 
er den Schleier der Pseudonymitat von sich. 

„Vindex tt und „Inclusa u wurden ebenso wie sp&ter 
„Gladius furens* und w Memnon tt in verschiedenen Staaten 
polizeilich konlisziert und wieder freigegeben. Bei den 
hierbei sich abspielenden Prozessen ergossen sich wahre 
Fluten von sittlicher Entriistung und giftigem Hohn iiber 
Ulrichs. War er doch seiner Zeit so sehr vorausgeeilt 
und dabei so von der Berechtigung seiner Lebensaufgabe 
durchdrungen, dass er vielfach fur geistesgestort gehalten 
wurde. 

Da es in Hannover keinen Urningsparagraphen zu 



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— 10 — 

bekampfen gab, ging er urspriinglich nur gegen das Vor- 
urteil in der Gesellschaft vor. Als aber die Ereignisse 
von 1866 kamen, hatte die ganze Frage fur Ulrichs nur 
die einzige Bedeutung: In Hannover * kein § 175, in 
Preussen § 175. Er wurde enragierter Welfe und 
Preussenfeind, hielt ziindende Reden als Welfenagitator 
und spielte einige Zeit eine politische Rolle. Er wurde 
von preussisch-deutscher Seite aufgehoben, arretiert und 
zu einem Jahr Festung in Minden verurteilt. Damals 
ging durch die Zeitungen die Notiz, dass die Polizei 
seine Papiere beschlagnahmt hatte, aber anstatt, wie ge- 
hofft, politisches Material zu finden, eine ausgedehnte ur- 
nische Korrespondenz bis in die hftchsten Kreise reichend 
entdeckt habe. 

Kurze Zeit nach seiner Freilassung beging Ulrichs 
jene That, welche ihn, trotz der starken Anfeindungen, die 
sie ihm eintrug, bis an sein Lebensende mit besonderem 
Stolz erfullte. Er war am 29. August 1867 auf dem 
Juristenkongress in Miinchen vor mehr als 500 Juristen, 
im Beisein von Vertretern des konigl. bayrischen Hauses 
und der Abgeordnetenkammer, „mithochklopfendemBusen 
die RednertribCine hinangestiegen", um sich Offentlich zu 
beschweren, dass der von ihm und dem Professor der 
Jurisprudenz Dr. Tewes zu Graz eingebrachte Antrag 
unterdrucktwordensei,welcherheischte, „dass angeborene 
Liebe zu Personen mannlichen Geschlechts nur unter den- 
selben Voraussetzungen zu strafen sei, unter welchen 
Liebe zu Personen des weiblichen Geschlechts gestraft wird. a 

Es lohnt sich, einige Augenblicke bei dieser 
interessanten Episode zu verweilen, die fiir Ulrichs so 
iiberaus bezeichnend war. 

Unmittelbar nachdem der President dem Wunsche 
Ausdruck gegeben, „der K5nig von Bayern — es war 
Ludwig II. — moge recht bald des Gliickes der Ehe teil- 
haftig werden, da sie das hochste Gliick des Mannes sei% 



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— 11 — 

hatte Ulrichs zu einer Rechtsverwahrung wegen Aus- 
schliessung eines Antrags von der Tagesordnung das 
Wort erbeten und erhalten. „Es handelt sich," so etwa 
begann er, „um die endliche Aufhebung einer aus alteren 
Jahrhnnderten auf uns gekommenen ungerechten Straf- 
bestimmung, um die Abschaffung der in dieser Bestimmung 
liegenden Verfolgung einer schuldlosen Menschenklasse, 
es handelt sich zugleich aucb um Herstellung der in 
diesem Punkte nicht vorhandenen Rechtseinheit Deutsch- 
lands (es bezog sich das namentlich auf Bayern, welches 
1813 den entsprechenden Paragraphen aufgehoben hatte), 
endlich handelt es sich auch noch darum, eine bisher 
reichlich geflossene Quelle von Selbstmorden zu ver- 
schliessen, und zwar von Selbstmorden der erschrecklichsten 
Art ; ich glaube, dies sind doch sehr wtirdige, ernste und 
wichtige Gesetzgebungsfragen, mit deneu sich zu beschaf- 
tigen der Deutsche Juristentag recht eigentlich berufen 
ware; es handelt sich, meine Herren, um eine auch in 
Deutschland nach Tausenden zahlende Menschenklasse* 
welcher viele der gr(5ssten und edelsten Geister unserer 
sowie fremder Nationen angehort haben." Bei diesen 
Worten erhoben sich stiirmische Spott- und Schlussrufe, die 
in tobenden Larm ausarteten, als Ulrichs nach Tdngerer 
Unterbrechung fortfuhr: w welche Menschenklasse aus 
keinem anderen Grunde einer strafrechtlichen Verfolgung, 
einer unverdienten, ausgesetzt ist, als weil die ratselhaft 
waltende schaffende Natur ihr eine Geschlechtsnatur ein- 
gepflanzt hat, welche der allgemeinen gewohnlichen ent- 
gegengesetzt ist. a Hier steigerte sich die Aufregung in 
der Versammlung derart, dass Ulrichs schliesslich nichts 
weiter iibrig blieb, r »als unter Niederlegung seines Manu- 
skripts die Rednerbiihne zu verlassen. Nachdem der 
grosste Tumult sich gelegt hatte, sagte der Vertreter der 
Deputation: „Wir haben den Antrag beseitigen zu sollen 
geglaubt, einmal, weil er mit den bestehenden Gesetzen 



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— 12 — 

in Widerspruch stent, und dann, weil er die Schamhaftig- 
keit verletzt, er wiirde, wenn nur verlesen, die Indignation 
der Versammlnng erregt haben, die Schamrote wiirde uns 
ins Gesicht gestiegen sein." Nachdem hierauf ein Mit- 
glied des Kongresses der Deputation im Namen der Ver- 
sammlung gedankt hatte, dass sie „im Interesse der Sitt- 
liehkeit den Antrag unterdruckt habe", beeilte sieh der 
President, Geh. Rat v. Wachter aus Leipzig, moglichst 
rasch zur. Erledigung der anderen Gegenstande tiber- 
zugehen. „Ja, ich bin stolz," schreibt Ulrichs in Gladius 
furens, in dem er sich im Anschluss an dieses Munchener 
Vorkommnis an die deutschen Juristen wendet, „ich bin 
stolz, dass ich die Kraft fand, der Hydra der offent- 
lichen Verachtung einen ersten Lanzenstoss in die Weichen 
zu versetzen.* 4 

Um dem Urningsparagraphen aus dem Wege zu 
gehen, war Ulrichs mittlerweile von Hannover nach 
Wurttemberg gezogen, wo er in Stuttgart durch Schrift- 
stellerei und Zlichtung seltener Schmetterlingsraupen sein 
Leben fristete. Ende der siebziger Jahre ging er nach 
Neapel; er lebte dort vegetarisch in ausserster Einfach- 
heit, immer seinen Zweck durch Schriften und Korre- 
spondenzen verfolgend. Die letzten Lebensjahre verbrachte 
er in Aquila in den Abruzzen, auch dort ganz still und 
einfach. Ein wohlhabender Schicksalsgenosse sorgte fiir 
seine Pflege, sein Begrabnis und ein Denkmal. „Er war 
ein Martyrer fiir seine Ueberzeugung, ein Mensch, in dem 
keine falsche Ader war" so urteilt tiber ihn ein bekannter 
ihm befreundeter Schriftsteller. 

Die Siegeszuversicht, der grosse Optimismus, mit dem 
Ulrichs den Kampf aufgenommen hatte, wich mit den 
Jahren einer immer starkeren Kummernis, je mehr er 
sich uberzeugte, wie schwierig es war, dermassen ein- 
gewurzelte Vorurteile aus der Welt zu schaffen. Am 
schmerzlichsten beriihrte es ihn, als der Ausschuss der 



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- 13 - 

osterreichischen Abgeordnetenkammer den im Regierungs- 
entwurf des Justizministers v. Komer gestrichenen Ur- 
ningsparagraphen als § 273 wieder hineinkorrigierte, und 
als vollends das neue deutsche Reichsstrafgesetzbuch, 
trotz des gegenteiligen Gutachtens der kgl. preussischen 
wissenschaftlichen Deputation fur das Medizinalwesen zu 
Berlin vom 24. Marz 1869 ebenfalls die verhangnisvolle 
Bestimmung als § 175 acceptierte. 

Wie wiirde dieser edle, vielverkannte Mann, der sein 
Hauptwerk mit den schonen Worten schloss: „In oder 
Wiiste tont meine Stimme, wie Memnons Saule, der 
Morgenrote entgegen," sich gefreut haben, hatte er sehen 
durfen, welchen Umfang die homosexuelle Forschung 
und Litteratur in den letzten Jahren angenommen hat, 
wie wiirde er, der so durch und durch deutsch in dem 
weltentlegenen Abruzzendorfchen nun ausruht von seinem 
miihevollen Kampfen, von gerechter Genugthuung erfullt 
gewesen sein, hatte er erlebt, wie zahlreiche der be- 
deutendsten Manner seiner Nation in einer Eingabe von 
dem deutschen Reichstage die Auf hebung des Urnings- 
paragraphen forderten. 

Dreissig Jahre waren seit jenem Juristentage ver- 
gangen, welcher das heikle Thema nicht beruhren zu 
diirfen vermeinte, als Vertreter des Reichstags und der 
Regierung iiber dieselbe Frage eingehende Beratungen 
pflogen. Wie bei der verhaltnismassigen Neuheit des 
Gegenstandes kaum anders zu erwarten war, vorderhand 
mit negativem Resultat. Denn auch unter den Volks- 
vertretern sind vielfach die Vorurteile grosser wie die 
Vorkenntnisse. In dieser Angelegenheit sollten aber nicht 
personliche Empfindungen, sondern nur sachliche Er- 
wagungen und wissenschaftliche Forschungen den Aus- 
schlag geben. 

Wenn einst die Nachwelt die Urningsverfolgungen 
in jenes traurige Kapitel eingereiht haben wird, in wel- 



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— u — 

chem die iibrigen Verfolgungen andersgl&ubiger und 
andersgearteter Mitmenschen verzeichnet sind, — und dass 
das kommen wird, ist tiber jeden Zweifel erhaben — 
dann wird der Name von Karl Heinrich Ulrichs unver- 
gessen dastehen als einer der ersten und edelsten, die in 
diesem Felde der Wahrheit und Nachstenliebe zu ihrem 
Becht zu verhelfen, mit Mut und Kraft bemiiht ge- 
wesen sind. 



Charlottenburg, im Juli 1898. 



Dr. M. Hirschfeld. 



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Forsehungen 

liber das Ratsel 

der 

mannmannlichen Liebe. 



„Vincula frango." 
Von 



Carl Heinrich Ulrichs 

(Numa Numantius). 



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Einleitung. 



i. 

U ! dass es mir moglich ware, auch nur einen Augen- 
blick Iang euch in das Innere unserer Seele hinein- 
zuversetzen, so dass ihr empfandet, was wir empfinden, 
wenn wir die Bliithe eines jungen Mannes erblicken, 
wenn, wie Phrynichus singt von des Troilus jugendlichen 
Wangen, 

„Xd[M€i d'ini noQfpvQiaig 
„naQr[fat, (pwg " Eq<otoq"!(* 
dann wiirde «s euch gegeniiber einer Rechtfertigung 
unserer Liebe ohne Zweifel iiberall nicht bediirfen. Eurer 
begeistertsten Sympathien waren wir gewiss. 

So aber ist jenes unmSglich; wie es denn ebenso un- 
moglich ist, dass jcmals wir empfinden werden, was in 
eurem Inneren vorgeht beim Anschauen eines bliihenden 
weiblichen Wesens. 



*) „Es erglanzt auf seinen purpurnen Wangen das 
Lie lit dei Eros." (Atheoaeos, deipnosophi^tarum lib. XIII. 
p. 666. [al lib. XIII. cap. 17.]) 



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- 16 - 

Euer Empfindungsvermogen also steht mir 
nicht zur Disposition. Eure Sympathie steht uns nicht 
zur Seite. Im Gegentheil, ungeziigelte Antipathie lodert 
in euch gegen uns und gegen eine Liebe, deren zauberische 
Gewalt und deren himmlische Herrlichkeit ihr nicht ein- 
mal leise zu ahnen befahigt seid. 

Darum bleibt mir nichts iibrig, als an euren V er- 
st and naehstehend mich zu wenden, als an euren nackten 
kalten Verstand mit nackten kalten Vernunftschliissen 
heranzutreten. Euer Verstand steht mir zu Gebote. 
Verstand und Vernunftschliisse sind ein gemeinsamer 
Boden euch und mir. Auf diesem Boden seid ihr Rede 
und Antwort mir schuldig. 

Eure erwahnte leidenschaftliche Antipathie ist ein 
wesentliches Hinderniss einer richtigen, rein objectiven 
^uffassung der mannmannlichen Liebe. In dieser Sache 
fehlt euch, um mit Arthur Schopenhauer zu reden, die 
„vom Willen nicht bestochene Erkenntniss", welche man 
mit Recht fur jedes Erkennen verlangt. Eure Erkennt- 
niss ist in Fesseln geschlagen von Sympathie fur Weiber- 
liebe und von massloser Antipathie gegen mannmannliche 
Liebe. 

Ihr seid Partei, wie ich Partei bin. Unparteiisches, 
von Parteieingenommenheit freies, Urtheil kann ich bei 
niemandem von euch mit irgend welcher Sicherheit 
voraussetzen. 

Ich wtirde mich auch gar nicht an euch wenden mit 
meiner Rechtfertigung der mannmannlichen Liebe, ware 
ich nicht gezwungen, es zu thun. Perhorresciren wiirde 
ich euch, wie man einen befangenen Richter perhorrescirt. 



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— 17 — 

Es giebt auf Er den keinen iiber euch stehenden Richter, 
an den ich mich wenden konnte. Ihr beherrscht die 
Wissenschaft uhd die Einrichtungen der nienschlichen 
Gesellschaft Indeni ich meine Rechtfertigung desshalb 
dennoch an euch richte, seid ihr daher Partei und Richter 
in einer Person. Wollet das, bei eurer Prtifung meiner 
Satze, bedenken. Nur bei vollig Geschlechtslosen, 
bei den Engeln im Himmel, wtirde ich vftllig unbefangenes 
Urteil voraussetzen diirfen. Annaherungsweise auch bei 
Greisen, in denen der geschlechtliche Liebestrieb bereits 
erloschen, und bei Kindern, in denen er noch nicht er- 
wacht ist. 

Eine ganz andere Stellung, als ihr Manner, werden 
vermutlich wissenschaftlich gebildete Frauen zur 
mannmannlichen Liebe einnehmen; freilich auch sie 
erst, nachdem sie meine Verstandesgriinde werden erkannt 
haben. Denn zunachst ist auch bei ihnen eine hemmende 
Antipathie vorhanden. Dann aber werde ich bei ihnen 
auch voller Sympathie gewiss sein. Denn sie halte 
ich, ihrer weichlichen Natur wegen, filr fahig, unsere Liebe 
auch mit dem Empfindungsvermogen zu erfassen, d. i. sie 
nachzuempfinden; was bei euch undenkbar ist. 

Unbefangene Manner, die meine Satze aufrichtig zu 
prfifen entschlossen sind, bitte ich daher urn zwei Dinger 
1) den festen Entschluss zu fassen, lediglich mit dem 
kalten Verstande zu priifen und wenigstens den Versiich 
za machen, von aller Antipathie ihre Vernunft zu eman- 
aipieren; 2) falls thunlich auch die Stimmen gebildeter ur- 
teilsfahiger Frauen zu vernehmen. 

Keineswegs verzweifle ich jedoch auch an eurer 

Ulrichs, Vindex. 2 



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— 18 — 

leidenschaftslosen und richtigen Beurteilung. Habe ich 
doch bei einzelnen unter euch den Beweis solcher unbe- 
fangenen Urteile bereits in Handen an den Urteilen 
Heinse's und Arthur Schopenhauer's (siehe zweiteSchrift 
§. 75 und §. 86.), von denen letzterer mit nachahmens- 
werter Gerechtigkeit von der mannmannlicken Liebe 
sagt*): 

„Der Wahrheit nachzuforschen und den Dingen auf 
den Grund zu kommen, ist mein angeborener Beruf. 
Diesem Berufe auch hier getreu, anerkenne ich zunachst 
das sich darstellende Phanomen" (namlich das thatsach- 
liche Vorhandensein mannmannlicher Liebe unter alien 
Volkern und in alien Jahrhunderten und ihre beharr- 
liche Unausrottbarkeit) „nebst der unvermeidlichen 
Folgerung daraus." 
Ferner sagt er **): 

„Dieser Folgerung* (namlich, dass die mannmannliche 

Liebe „irgendwie aus der menschlichen Natur 

selbst hervorgehe") „konnen wir uns schlechterdings 

nicht entziehen, wenn wir redlich verfahren wollen." 

Mochten doch alle so gerecht gegen mich verfahren, 

wie ich, nach diesen Worten, von ihm erwarten diirfte 

ware er noch unter den Lebenden, 

II. 

Meinen Gegenstand scheint die herrschende herge- 
brachte Meinung fur absolut unberiihrbar zu erklarenr 

*) n Die AVelt als Will* und Vorstcllung". 3. Aufl. 1859. Bd. IL 
S. 614. 

♦*) A. a. 0. S. 643. 



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— 19 — 

und ich, ich erdreiste niich, ihn einer eignen wissenschaft- 
lichen Erorterang zu unterwerfen ? 
Mich rechtfertigen zwei Griinde. 
Der Wissenschaft ist, meines Erachtens, nichts un- 
beriihrbar. Schon dieser Grand allein reicht hin, meine 
ich, nrich zu rechtfertigen. Auch dann wtirde er mich 
rechtfertigen, wenn nicht schon langst Sokrates und Plato, 
neuerdings unter andern M. H. E. Meier und Arthur 
Schopenhauer, diesem angeblich unberiihrbaren Gegen- 
stande ihre Forschungen und Studien gewidmet hatten. 
Aber noch ein anderer Grand tritt hinzu. Es handelt 
sich fur uns um sein und nicht sein. Es handelt sich 
ura die Frage: 

Ist es noch langer zu dulden, dass ihr, lediglich auf 
Grund eines naturwissenschaftlichen Irrtums, absicht- 
lich und systeraatisch darauf ausgeht, tausenden eurer 
Mitmenschen Ehre und Lebensgliick zu zertreten und 
zu zerstoren, Menschen, die ebenso brav sind, wie ihr, 
und die in Wahrheit in gar durchaus nichts sich ver- 
gangen haben? 

Wo es aber darum sich handelt, die hochsten Giiter 
des Lebens zu retten: da wahrlich heisst es: vincula 
frango! da hinweg mit der zartfuhlenden Besorgnis, her- 
gebrachten Ansichten von Unberiihrbarkeit in\s Antlitz 
schlagen zu miissen; da ware es geradezu straflich, um 
mich eines Ausdrucks des Paulus zu bedienen — „propter 
metum hujus periculi temere relinquere jus suum 
indefensnm".*) 



*) Paulas lib. 20. ad edictum. Enthalten in lex 40, princ, 
in fine, Digestorum, do hereditatis potitione, lib. V. tit. 3. 



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— 20 — 

III. 

Ich wiinsche niemanden in nachstehendem zu ver- 
letzen oder zu kranken. Ich verzeihe alien, die mich 
krankten, alien, die lieblos und hart gegen mich waren. 
Ich verzeihe P meinem Verrater. Freimiitig aber werde 
ich reden. Meine Spannkraft fuhle ich durch selbst- 
erlittene Verfolgungen nur gesteigert. 

IV. 

Ich wollte lieber mit offenem Yisir auftreten. Den 
Bitten derer, die mir die nachsten sind auf Erden, 
weichend, unterwarf ich mich der Fessel der Pseudo- 
nymitat, die ich jedoch ehestens brechen werde. 



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Erster Absehnitt. 



Die Ungerechtigkeit der bisherigen Verfolpngen 
mannmannlicher Liebe; 

abgeleitet aus ihrem Angeborensein. 



I. 
ThatsSchliche Yerbreitung mannmannlicher Liebe. 

§. 1. Thatsache ist es, dass es unter den Menschen 
Individuen giebt, 

deren Korper mannlich gebaut ist, welche gleichwohl 
aber geschlechtliche Liebe zu Manner n, geschlecht- 
lichen Horror vor Weibern empfinden, d. i. Horror 
vor geschlechtlicher Korperberuhrung mit Weibern. 
§. 2, Diese Individuen nenne ich nachstehend 
fl Urninge a : 
wahrend ich 

„Dioninge" 
diejenigen Individuen nenne, welche man schlechtweg 
„ Manner" zu nennen pflegt, d. i. diejenigen, 
deren Korper mannlich gebaut ist, und welche geschlecht- 
liche Liebe zu Weibern, geschlechtlichen Horror vor 
Mannern empfinden. 

Die Liebe der Urninge nenne ich nachstehend u r- 
nische oder mannmannliche Liebe, die der Dioninge 
dionische. 



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— 22 — 

Zur Schaffiing' neuer Ausdriicke glaubte ich schreiten 
zu miissen, weil das bisher wohl gebrauchte Wort 
„KnabenIiebe tt zu der Missdeutung Anlass giebt, als 
liebe der Urning wirklich K nab en, wahrend er doch 
junge Manner (puberes) liebt. Auch im alten Griechen- 
land liebte der Urning nicht Knaben. „Ualg" heisst so 
gut „junger Mann tf , als „Knabe u . Meine Ausdriicke sind 
entstanden durch Umwandlung der Gotternamen Uranus 
und Dione. Eine poetische Fiction Plato's leitet nam- 
lich den Ursprung der mannmannlichen Liebe ab vom 
Gotte Uranus, den der Weiberliebe von der Dione. 
(Plato's Gastmahls, Cap. 8 und 9.) 

§. 3. Viel tausend Urninge leben in alien Landern 
Deutschlands, in Stadt und Land, unter hohen und 
niederen Standen, in alien Berufsklassen, Millionen unter 
alien Volkern der Erde. Urninge gab es zu alien Zeiten, 
scbon im grauesten Altertum, unter Volkern, welche 
noch auf der niedrigsten Stufe der Cultur standen, unter 
Fischer- und Jiigervolkern, unter Nomaden, ja unter den 
eigentlichen Wilden. 

Lautes Zeugnis legen davon ab teils neuere 
Schriften, teils die Schriften des Xenophon, des Athenaus, 
die noch vorhandenen Ueberbleibsel der Gedichte des 
Pindarus, lbycus, Anacreon, Plutarch's cqcotsc, Lucian's 
anoyqag, Lucian's eqwtbc, was die Griechen betrifft vor 
alien Plato's Schriften; sodann Virgil's ecloga II. 
„Alexis u , die Schriften des Suetonius, des Petronius, die 
Scriptores historiae Augustae etc., die Persischen und 
Arabischen Dichter des Mittelalters etc., die Bibel, das 
corpus juris etc. Unter den neueren Schriften verweise 
ich auf den ausfuhrlichen und recht unbefangen ge- 
schriebenen Aufsatz von Meier vom Jahre 1837 in Ersch 
und Gruber'sEncyclopadie. (Band Pac— Pal. S. 149—189.) 

§. 4. Nach einer annaherungsweisen Berechnung giebt 
es in Deutschland 20000 erwachsene Urninge; nach 



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— 23 — 

einer anderen 30000, ja 35000. Nehmen wir als Dorch- 
schnitt 25000 an und nehmen wir Deutschlands Seelen- 
zahl zu 50 000000 an (etwas zu hoch), also die Zahl seiner 
Manner zu 25000000 und die seiner erwachsenen Manner 
zu 12 500000: so ist das Verhaltnis der erwachsenen Urninge 
zu den erwachsenen Mannern iiberhaupt das von 

25000 zu 12500000, 
oder von 

1 zu 500. 
D. i. unter 500 erwachsenen Mannern ist in Deutschland 
durchschnittlich auf einen Urning zu rechnen *) Mit diesem 
Ergebnis stimmen auch die Verhaltnisse einzelner Stadte 
Deutschlands ziemlich genau uberein. So enthalt Berlin 
mit seinen 500000 Seelen ganz gewiss weit mehr als 
250 erwachsene Urninge, wobei denn freilich die dortigen 
Fremden mit in Berechnung kommen. Mehrere Stadte 
von etwa 100000 Seelen enthalten ebenso mindestens 
50 erwachsene Urninge. 

Dies allerdings schwierige Gebiet sollte die Statistik 
nicht tibersehen. 

Triigen nicht verschiedene Anzeigen, so ist in Deutsch- 
land die Zahl der Urninge im Verhaltnis zu den Dioningen 
in fortwahrendem Wachsen begriffen. Kein Vater ist 
sicher, ob nicht in einem seiner erwachsenen Sonne der 
Keim dieser Neigung schlummere und mit dem Eintritt 
der Pubertat hervorbrechen werde. 

§. 5. Hin und wieder werden nachstehend geschlecht- 
liche Ausdriicke nicht zu umgehen sein. Allein wo die- 
selben im hoheren Interesse der Bekampfung verhangnis- 
voller Irrtiimer ausgesprochen werden miissen : da wurde 
es meines Erachtens von m einer Seite Unrecht sein, aus 



*) Dicso Schfttzungcn sind spator von Ulrichs selbst und anderen 
Antoren als zu niedrig gegriffen angesehen worden. 

Anm. d. Heraosgebers. 



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— 24 — 

folscher Scham sie zu verschweigen, und ebenso von Seiten 
des Lesers, an ihnen Anstoss zu nehmen. 

Es giebt Menschen, die es verstehen, gegen Beweis- 
griinde sich hermetisch zu versperren. Nur fur unvor- 
eingenommene Leser schrieb ich. Diese aber bitte ich urn 
«ine moglichst ruhige und sorgialtige Priifung meiner Satze. 



n. 

Angeborensein mannmSnnliclljBr Liebe. 

§. 6. Die Dioninge scheinen ohne Weiteres von der 
Hypothese auszugehen: 

eine eigene Klasse geborener Urninge gebe es nicht 
unter den Menschen und konne es nicht geben, 
mit anderen Worten: 

eine eigene Klasse von Individuen gebe es nicht und 

konne es nicht geben, denen, bei mannlichem Korper- 

bau, weiblicher Geschlechtstrieb angeboren sei, 

d. i. denen geschlechtliche Liebe zu Mannern und ge- 

schlechtlicher Horror vor Weibern angeboren sei; 

alien korperlich mannlich gebauten Individuen sei viel- 

mehr auch mannlicher Geschlechtstrieb angeboren, 

d. i. geschlechtliche Liebe zu Weibern, geschlechtlicher 

Horror vor Mannern. 

§. 7. Diese Hypothese ist durchaus irrig. Es giebt 
eine eigene Klasse geborener Urninge, eine eigene 
Elasse von Individuen, denen neben mannlichem Korper- 
bau weiblicher Geschlechtstrieb angeboren ist, eine eigene 
Unterart von Mannern, denen mannmannliche 
Liebe angeboren ist. 

In der zweiten Schrift werde ich hierfur eine Reihe 
von wissenschaftlichen Beweisgriinden anfiihren. 

§. 8. Unter „ angeboren* 4 ist zu verstehen: geschlecht- 
lich angeboren, organisch angeboren, dem geistigen Ge- 



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schlechtsorganismus nach angeboren, nicht: krankhaft an- 
geboren, auch nicht ein Angeborensein, wie dem Brand- 
stifter, dem Diebe, dem Trunkenbold ein Hang etwa an- 
geboren sein mag, Brand zu legen, zu stehlen, zu trinken; 
sondern ein Angeborensein in demselben Masse, 
wie dem Dioning Geschlechtsliebe zu Weibern 
und wie dem Weibe Geschlechtsliebe zu Mannern 
angeboren ist. 

§. 9. Das Angeborensein mannmannlicher Liebe ist 
ein Angeborensein in dem Masse, dass das Individuum, 
dem sie angeboren ist, der Urning, in Folge dessen gar 
nicht vollstandig Mann ist, sondern nur „Q,uasi-Mann* 
oder „Halbmann" genannt zu werden verdient. 

Seinem ganzen geistigen Organismus nach, nicht bios 
was geschlechtliche Liebesempfindung betrifft, seiner ganzen 
geistigen Naturanlage nach, seiner ganzen Gemiitsart 
nach: ist der Urning nicht Mann, sondern ein Wesen 
weiblicher Art. 

In hervortretenden Charakterziigen, -im Benehmen, in 
Korperbewegungen etc. tragt er einen vollkommen weib- 
lichen Habitus an sich, welcher die erkennbare aussere 
Erscheinung des in ihm wohnenden weiblichen Elements 
ist. (Siehe die zweite Schrift.) 

§. 10. Wir Urninge bilden eine zwitterilhnliehe be- 
sondere geschlechtliche Menschenklasse, ein 
eigenes Geschlecht, dem Geschlecht der Manner und 
demder Weiber als drittes Geschlecht coordiniert. 
Selbststandig stehen wir da, neben Mannern und neben 
Weibern, vollig abgesondert von beiden, die wir weder 
vollig Mann noch vollig Weib sind, beiden von Natur 
gleich fern stehend: wenn schon durch kiinstlich aner- 
zogene Mannlichkeit der Klasse der Manner uns nahernd; 
cbenso auch in unserer socialen Stellung, wie auch viel- 
leicht in geistiger Leistungsfahigkeit, den Mannern gleich 
stehend. 



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— 26 — 

§.11. Mit deni bisherigen Ignorieren des Vorhanden- 
seins der Urninge diirfte iiber dieses Vorhandensein nicht 
langer hinwegzukommen sein. Die Frage nach der 
Existenzberechtigung der Urninge verlangt eine Losung: 
und zwar eine versohnende. Sie verlangt eine solche 
nicht wegen eines vereinzelten Individuums, sondern im 
allgemeinen offentlichen Interesse. Stark genug mochte 
sclion jetzt die Klasse der Urninge sein, urn ihre Eben- 
biirtigkeit und Gleichberechtigung geltend zu machen. 
Freilich gehort ein wenig Kiihnheit dazu. Gestiitzt auf 
den Schild der Gerechtigkeit ihrer Sache muss sie es 
wagen, aus ihrer bisherigen Zuruckhaltung und Ver- 
einzelung muthig hervorzutreten. So sei denn hiemit das 
Eis gebrochen. 



III. 
Naturwidrig und naturgtmSss. 

§. 12. Wenn ich den Hebe, zu dem meine Natur raich 
hinzieht, so handle ich nicht naturwidrig. Wenn ich als 
Urning einen bliihenden und schonen jungen Mann liebe, 
so handle ich nicht gegen die Natur. 

Als naturwidrig handelnd konnt ihr den Urning, der 
einen Mann liebt, nur dann betrachten, wenn ihr von 
der irrigen Voraussetzung ausgeht: 

alien mannlich gebauten Individuen, also auch ihra 

individuell, sei Liebe zu Weibern und Horror vor 

Mannern angeboren, auch ihm individuell sei die 

Dioningsnatur angeboj-en, 

Der Urning, dem Liebe zu Mannern und Horror vor 

Weibern angeboren ist, handelt, in Konsequenz dessen, 

ferner 

naturgemass, 
wenn er, dem Zuge dieser angeborenen Liebestriebe 
folgend, Weiber geschlechtlich flieht, und sein geschlecht- 



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^^^ 



— 27 — 

liches Naturbedurfnis in den Armen und in der korper- 
lichen Beriihrung eines jungen Mannes befriedigt. 

§. 13. Er handelt namlich gemass seiner individuellen 
Natur und gemass der Urningsnatur iiberhaupt, gemass 
der Natur des dritten Geschlechts: nicht nur secundum 
naturam suam, sondern auch secundum naturam sui 
generis. 

Er handelt genau so naturgemass, wie der D ion in g 
naturgemass handelt, wie dieser namlich secundum naturam 
suam et sui generis handelt, wenn dieser, dem Zuge des 
ihm angebornen Triebes folgend, sein geschlechtliches 
Naturbedurfnis in den Armen eines Weibes befriedigt. 

oder wie die eine Klasse von Z witter n, welche, dem 
ihnen angeborenen Triebe folgend, Manner liebt*), oder 
wie die andere, welche Weiber liebt. 

§. 14. Was each Bionirigen geschlechtlich ange- 
boren ist, kann fur mannerliebende Zwitter und 
fur uns Urninge nicht massgebend sein. 

Auch fiir euch ist ja nicht massgebend, was uns 
oder was Weibern oder was Zwittern geschlechtlich an- 
geboren ist. 

Riicksichtlich der Frage: 

„Was ist naturgemass und was naturwidrig?" 
ist fiir kein Individuum eine ihm fremde Natur mass- 
gebend. Fur jedes ist seine eigene Natur massgebend, 
beziehung8weise die Natur des Geschlechtes, dem dasselbe 
angehort, natura sua et sui generis: es mag nun Dioning, 
Weib oder Urning sein. Rucksicht jener Frage ist jedes 
Individuum lediglich ex natura sua et sui generis zu 
beurteilen. 

Der Fisch ist riicksichtlich jener Frage nicht nach 
der Natur der Vogel zu beurteilen, der Vogel nicht nach 



*) Vergl. die drei Beispiele m&nnerliebeDder Zwitter, in der 
zwciten Schrift erwahnt. 



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— 28 — 

der der Fische; die eine Unterart der Fische und Vogel 
nicht nach der Natur einer anderen Unterart, der Hecht 
nicht nach der des Aals, die Henne nicht nach der der 
Ente; der Dioning nicht nach der der TTeiber und das 
Weib nicht nach der der Dioninge. 

Ebenso kann, riicksichtlich jener Frage, auch fiir uns 
Urninge lediglich unsere eigene Natur (Unternatur) mass- 
gebend sein, nicht die Natur der weiberliebenden 
Dioninge. 

§. 15. Kann eure Natur aber an sich nicht mass- 
gebend sein fiir uns, so kann sie es auch nicht werden 
weder 

a. durch eure grossere Zahl, 

noch 

b. dadurch, dass der Weg der Befriedigung des ge- 
schlechtlichen Naturbediirfnisses, auf welchen unsere 
Natur uns hinweist, zur Fortpflanzung ungeeignet 
ist, wahrend der Weg, auf welchen eure Natur euch 
fiihrt, zur Fortpflanzung sich eignet. 

§. 16. Zu a. Uns gegeniiber bildet ihr eine an Zahl 
weit iiberwiegende Majoritat. Allein auf blosse Zahlen 
kommt es nicht an, weder bei der Frage: „was ist natur- 
gemass? u noch bei der Frage: „was ist moralisch oder 
allgemein menschlich erlaubt?" 

§. 17. Zu b. Zur Fortpflanzung sind auch die 
Z witter untauglich, die meisten, wenn nicht gar alle.*) 
Nichtsdestoweniger aber ist es die Natur, welche die 
Zwitter schuf; und fiir die Zwitter kann, wie ihr zugebcn 
werdet, nur ihre eigene Natur massgebend sein, nicht 
z. B. die euere, welche ihr uns aufdrangt. 

Dass unsere Liebesakte zur Fortpflanzung nicht taug- 
lich sind, sowie dass eine innere unsichtbare Naturgewalt 



*) ADm. d. Herausgeber*. Weitere Forscliungen haben crgeben, 
dass viele Zwitter fortpflanztmgsfahig sind. 



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— 29 - 

gerade zu solchen unfruchtbaren Liebesakten uns antreibt 
nnd nicht zu fruchtbaren: fur beides sind nicht wir ver- 
antwortlich, sondern die Natur. Der uns obliegenden 
Verantwortlichkeit geniigen wir vollkonimen, wenn wir 
dem Zuge, den eine hohere Hand — Gott oder die Natur 
— in unsere Brust gepflanzt hat, nicht widerstreben, 
sondern folgen. Weitere Verantwortlichkeit trifflb uns 
nicht. Beruhigt ihr euch nicht mit dieser Unfruchtbar- 
keit unsrer Liebesakte, verlangt ihr eine Verantwortung 
wegen derselben: so fordert diese Verantwortung von 
jener hoheren Hand, nicht von uns. 

Geschlechtliche Beruhrungen des KOrpers 
bliihender junger Manner sind einmal das, was 
der innere Naturtrieb uns lehrt. Darum sind diese 
unsere Liebesakte, trotz ihrer absoluten Unfrucht- 
barkeit, uns naturgemass. 

Was uns an sich naturgemass ist, das wandelt also 
die Unfruchtbarkeit nicht um in naturwidrig. 

§. 18. Fiir uns Urninge ist somit lediglich unsere 
eigene Natur massgebend, nicht die eure. 

Nach unserer eigenen Natur verlangen wir nun 
aber anch beurteilt zu werden. Wir protestieren 
gegen jeden Versuch, llegeln uns aufzuzwangen, welche 
lediglich Konsequenzen eurer weiberliebenden Natur sind. 



IV. 
Die Debung angeborener mannmannlicher Liebe ist weder 
yerbrecherlsch noch unsittlicb. Sie zu verfolgen 1st daher 
grausam, ungerecht und sinnlos. De lege ferenda. 

§. 19. Den Urning, der, dem Zuge seines angeborenen 
mannmannlichen Liebestriebes folgend, in der korperlichen 
Beruhrung eines geliebten bluhenden jungen Mannes sein 
geschlechtliches Naturbediirfnis befriedigt, straft man 
gegenwartig de facto, namlich hergebrachter Auslegung 



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— 30 — 

der Gesetze gemass, als Verbrecher in samtlichen 
Deutschen Landen, mit einziger Ausnahme Bayerns*) 
und erklart ihn fiir infam. Es geschieht, weil er sein 
geschlechtliches Naturbediirfnis anders befriedigt, als auf 
dem Dioningswege, anders, als auf dem Wege, den eine 
ihm fremde Natur lehrt. Es geschieht, weil die Majoritiit, 
die aus Dioningen bestehende, ilin nicht nach seiner 
cigenen Natur beurteilt, sondern nach der ihrigen, 
weil sie, einem Prokrustes gleich, ihn in das Bett der 
ihm fremden Dioningsnatur einzwangt. 

§. 20. Diese Bestrafung und diese Infamierung des 
Urnings ist nach dem Vorstehenden ebenso grausam nicht 
nur, sondern auch ebenso ungerecht, ja sinnlos, als wollte 
ctwa ein Urning, der als Herrscher die Macht dazu hatte, 
jeden Dioning als Verbrecher strafen oder infamiren wegen 
seiner Liebesbefriedigung in den Arm en eines jungen Weibes. 

Diese Bestrafung ist gerade so sinnreich, als wollte 
man — ihr werdet diesen Vergleich zulassen miissen — 
die Henne dafiir bestrafen, dass sie, statt lebendige Junge 
zu gebaren, Eier legt und briitet, oder die Kuh, dass sie, 
statt ein Ei zu legen und dasselbe auszubriiten, ein 
Kalb gebart 

Die bisherigen Verfolgungen der manDmannlichcn 
Liebe der Urninge waren ebenso thoricht, wie einst die 
Verfolgungen der Ketzerei und Hexerei. Sie waren auch 
gleich erfolglos. 

*) Beziehungsweise auch Wflrtterabergs, Hannovers nod Braun- 
schweigs. Bayern allein indess behandelt mannmannlicho Liebe vSllig 
korrekt. Es erklart ihre Uebung uberall da fur vMlig straf- 
los, wo Uebung dionischer L iebe straflosist, d.i. wo nicht 
Excesse begangen warden, also wo nicht Gewalt angewandt wurde, wo 
nicht Missbrauch kindlichen Alters vor^egt, wo eheliche Rcchte nicht 
verletzt warden etc. Anm. d. Heratiftgebers : Diese Angaben be- 
zichen sich auf die Zeitbis zum Erscheinen des Reichsstrafgesetzbuchs 
resp. bis auf die Annektierung Hannovers, von wo ab in den ge* 
nannten Landern das preussiscbe Gesfttz angenommen wurde. 



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— 31 — 

„Nataram furca expcllns, tamen usque recurrei!" 
sagt Horaz. 

§. 21. Mannmannliche Liebe ist ein Naturr&tsel. 
Als ein solches wird jeder Unbefangene sie anerkennen, 
der auch nur einen Augenblick liber sie nachdenkt. 
Naturratsel aber lost map, soweit sie uberhaupt losbar 
sind, durch die Wissenschaft: nicht durch blindes Fiir- 
infam-erklaren oder durch blindes Dreinhauen mit dem 
s. g. Schwert der Gerechtigkeit, welches ja nur allzuoft 
schon, Ketzern, Juden und Hexen gegeniiber, als Schwert 
der Ungerechtigkeit sich erwiesen hat. 

§. 22. Beim Naturratsel der mannmannlichen Liebe 
wird es der Wissenschaft zwar schwer werden, das Ratsel 
zu losen: 

„Wie erweckt die Natur Liebe zu Mannern in Indivi- 
duen, an denen sie im Mutterleibe den Keim der korper- 
lichen Geschlechtsorgane nicht zu weiblicher, sondern 
zu mannlicher Gestaltung entwickelte? 14 

Nicht dagegen wird es der Wissenschaft, bei einiger- 

massen sorgfaltiger Untersuchung, schwer werden, zu dem 

Ergebnis zu gelangen: 

dass die Natur in einer bestimmten Klasse dieser In- 
dividuen Liebe zu Mannern erweckt. 

Jenes Ratsels Losung diirfte indess kaum schwerer 

w r erden, als die Losung der beiden coordinierten, vielleicht 

gleich ratselhaften, Fragen: 

Wie erweckt die Natur Liebe zu Weibern im Manne? 

und: 

Wie erweckt sie Liebe zu M&nnern im Weibe? 

Sollte es einem Sterblichen gelingen, diese beiden Natur- 

wunder zu erklaren, so diirfte er von der Losung der 

soeben gestellten Frage vielleicht nicht mehr fern sein. 
Erklart sind diese beiden Wunder bekanntlich noch 

nicht. Dies wiinsche ich zu konstatieren fur den Fall, dass 



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— 32 — 

ihr mir vorhalten solltet, von niir sei jene Frage nicht 
gelost 

§. 23. An Zahl bilden wir Urninge eine schwache 
Minoritat. Aber vor Gott und Menschen haben wir das- 
selbe Recht wie ihr, die ihr lediglich die Uebermacht der 
Zahl, lediglich das Recht dor Uebermacht, in euren 
Handen habt, d. i. das Recht der Gewalt. Unser gleiches 
Recht seid ihr nicht befugt uns zu nehmen oder audi 
nur zu schnialern. 

§. 24. Wer, frage ich, giebt eueh das Recht, uns 
hineinzuzwangen in euern Modus der Befriedigung 
des geschlechtlichen Naturbedurfnisses, in den Modus der 
Befriedigung in den Armen eines Weibes, in einen Modus, 
vor dem unsere angeborene geschlechtliche Naturanlage 
sich straubt, den wir verabscheuen, der uns eine Befriedig- 
ung mit Durchstromung lebendiger und belebender mag- 
netischer Kraft, also eine wahre Liebesbefriedigung, nicht 
gewahrt, kurz, der uns naturwidrig ist: denjenigen 
Modus dagegen, den unsere Natur uns lehrt, den sie klar 
und bestimmt, mit unwiderstehlich lockender Zauberge- 
walt, uns vorzeichnet, der uns die magnetische Durch- 
stromung, die wahre Liebesbefriedigung, gewahrt, der uns 
der naturgemasse ist, — d. i. die Befriedigung in der 
korperlichen Beruhrung eines bluhenden und geliebten 
Mannes — uns zu stem pel n zu Tnfamie und Yerbrechen. 

Wer, frage ich, giebt euch das Recht, die uns natur- 
gemasse Liebesbefriedigung uns 

lebenslilnglich zu verbieten, 
und zur Entschadigung uns mit einer Erlaubnis abzu- 
fertigen, welche die Natur uns gebietet, mit Abscheu zu 
verschmahen; mit der Erlaubnis, einen Modus zu 
wahlen, der uns Befriedigung nicht gewahrt, der uns 
naturwidrig ist, vor dem, kraft angeborener Natur, ein 
unausloschbarer Abscheu, ein horror natur^Us, uns zu- 
ruckscheucht? 



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— 33 — 

§. 25. Alle Liebesakte, welche ausserhalb der Ehe 
erfolgen, insonderheit auch die unsrigen, pflegt ihr aus 
dem Gesichtspunkte der Unzucht aufzufassen. Dieser 
Gesichtspunkt fur aussereheliche Liebesakte ist durchaus 
ungeniigend. 

Es ware denkbar, dass Kirche oder Staat einem Jeden 
gebote, vor jedem Genusse von Speise und Trank zu 
beten oder irgend eine sonstige Form zu beobachten, und 
dass mancher sich diesem Gebote aus irgend einem Grunde 
nicht f iigen wollte oder konnte, also Speise und Trank 
zu sich nahme, ohne die Form zu erfiillen. Wiirde es 
hier nicht sinnlos sein, solche Menschen deshalb gefrassig 
oderSauferzu nennen? Ja, sie kftnnen allerdings auch 
gefrassig oder Saufer sein. Ebenso gut aber konnen sie 
auch Menschen sein, die, abgesehen von jener Nicht- 
erfullung der Form, nichts weiter thun, als dass sie ihr 
Naturbedurfhis , zu essen oder zu trinken, befriedigen. 
Von Fressen und Saufen konnen sie ebenso fern sein, 
als wer jene Form erfullt. 

Aehnlich die ausserehelichen Liebesakte. Sie konnen 
zwar Unzucht sein; sie konnen aber auch lediglich Be- 
friedigung des geschlechtlichen Naturbediirf- 
nisses sein. Letzteres konnen sie sein vollkommen so 
gut, wie eheliche Liebesakte. Eurem Gesichtspunkte der 
Unzucht stellen wir daher entgegen den Gesichtspunkt 
der Befriedigung eines Naturbediirfnisses. 

§. 26. Unser geschlechtliches Naturbediirfnis ist — 
um dies hier anzugeben — ein solches, welches periodisch 
Befriedigung verlangt, sei es eine vollstandige, sei es eine 
unvollstandige. Letztere ist diejenige, welche in blossen 
Liebkosungen und in Einsaugung jenes magnetischen 
Stromes besteht, der, aus dem Korper eines jungen 
Mannes ausstromend, in jeder korperlichen Beruhrung 
mit ihm von uns aufgenommen wird. 

§. 27. Das positive Institut der Ehe ist kein In- 

Ulrichs, Vindex. 3 



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— 34 — 

st i tut fiir uns. Weder einen Priester giebt es, noch 
einen Zivilstandesbeamten, der ein Eheband kniipfe 
zwisohen uns und unserem Geliebten. Fiir uns existiert 
also der rein menschliche Naturzustand : wie fur die Vogel 
unter dem Himmel und die Thiere auf dem Felde (was 
freilich nur unter Beschrankungen zu verstehen ist). 
D. i. fiir uns kann die Ehe nicht die Vorbedingung 
sein des moralischen Erlaubtseins der Liebesbefriedigung, 
wenigstens so lange jener Priester fehlt oder jener Zivil- 
standesbeamte. 

§. 28. Wir sind nicht Eunuchen. Wie euch, so 
gab auch uns die Natur einen Liebestrieb und ein ge- 
schlechtliches Naturbedurfnis, welches nach Befriedigung 
verlangt. Auch haben wir kein Geliibde ewiger 
Nichtbefriedigung abgelegt. Wer, frage ich, giebt 
euch nun das Recht, uns zu gebieten, dass wir entweder 
Weiber lieben, oder aber lebenslanglich leben sollen wie 
die Eunuchen, oder als bande uns ein Geliibde? Was 
wiirdet ihr sagen, wenn es einmal einem tyrannisch re- 
gierenden Urning einfallen sollte — etwa als Repressalie 
fiir euer bisheriges Verfahren gegen uns — das umge- 
kehrt entsprechende euch zu gebieten, also entweder 
Manner zu lieben, oder lebenslanglich zu leben wie die 
Eunuchen? 

§. 29. Auch wir haben das Recht, der Liebe 
Seligkeit zu schmecken; auch wir haben das Re cht unsren 
Liebestrieb und unser geschlechtliches Naturbedurfnis 
zu befriedigen; auch wir haben das Recht, es auf dem 
Wege zu thun, den die eigene Natur uns lehrt, nicht 
eine fremde. 

§. 30. Laut protestieren wir gegen den Missbrauch, 
den bisher die Dionings-Majoritat mit ihrer Uebermacht 
gegen uns getrieben hat. 

Das Lebensgluck Vieler unter uns hat sie vergiftet 
durch namenlose Misshandlung und Verfolgung und durch 



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— 35 — 

Beschimpfung ihrer Ehre. Die Rosen der Liebe hat sie 
uns Allen zertreten. 

§. 31. Von ihrem Standpunkte aus, welcher der eines 
naturwissenschaftlichen Irrtums ist, also sub- 
jektiv, mag dabei die Majoritat zwar bona fide gehandelt 
haben, ja optima fide. Sie ist ja von dem Irrtum be- 
fangen: wir seien Manner, wie die Dioninge sind, also 
mit angeborenen Dioningstrieben. 

Objektiv aber betrachtet, beging sie Unrecht, das 
zum Himmel schreit. Auch jene, welche Huss verbrannten, 
Servet wegen seiner Trinitatslehre kopften und Hexen 
verbrannten, handelten bekanntlich optima fide. 

§. 32. Allein sogar subjektiv ist ihr ein Vorwurf 
zu machen, und ich kann ihn ihr nicht ersparen: der Vor- 
wurf grosser Fahrlassigkeit; da sie namlich ihrerseits 
unsere Natur langst einer Priifung hatte unterziehen 
sollen, einer mehr oder weniger wissenschaftlichen, urn 
sich zu vergewissern, ob unsere Natur denn wirklich die 
der iibrigen Manner sei, oder vielleicht eine ganz andere? 
ob also die harten Verfolgungen, die sie vollzog, auch 
gerecht seien? Niemals hat die Majoritat solche Priifung 
angestellt. 

Einzelne mannlich gebaute Individuen seht ihr be- 
harrlich Manner lieben, Weiber aber ebenso beharrlich 
geschlechtlich meiden. Ist es nicht eine wahrhaft leicht- 
fertige Schlussziehung, hieraus nun zu schliessen: „Also 
handeln sie naturwidrig" ? Liegt es nicht ebenso nahe, 
zu schliessen: „Also muss ihr geschlechtlicher Liebestrieb 
von Natur wohl ein andere r sein, als der der weiber- 
liebenden Manner"? oder iiberhaupt: B Also mussen sie 
wohl Geschopfe ganz andererArt sein, als die weiber- 
liebenden Manner"? 

§. 33. Ein Anlass, solche Priifung anzustellen, war 
namentlich, meine ich, hinreichend dringend geboten: 
1) der gesetzgebenden Gewalt, ehe sie dazu schritt 

3* 



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— 36 — 

vorgefundene Strafandrohungen ftir naturwidrige 
Akte neu zu sanktionieren; da ihr namlich sehr wohl 
bekannt sein musste, dass der Strafrichter gewohnt 
war, mannmannliche Akte ohne weiteres unter 
die naturwidrigen zu subsnmmiren ; 

2) aber auch dem Strafrichter, so oft er dazu schritt, 
Jemanden fiir einen mannmannlichen Akt, als iiir 
einen naturwidrigen, zu strafen; 

3) den Blutsverwandten, ehe sie dazu schritten, 
einen Blutsverwandten wegen mannmannlicher Liebe 
zu richten und zu verstossen; 

4) ja sogar jedem aus dem Volke, ehe er Jemandem 
wegen mannmannlicher Liebe seine offentliche Acht- 
ung entzog. 

Hmen alien gilt dieser Vorwurf. Mit besonderer 
Scharfe triflt er die, welche neben der allgemeinen Pflicht 
der Gerechtigkeit auch noch ein besonderes Band der 
Liebe bindet, d. i. die Blutsverwandten. 

§. 34. Mit dem bezeichneten naturwissenschaftlichen 
Irrtum miissen auch die Konsequenzen desselben fallen. 
Es giebt nicht zweierlei Vernunft und Vernunftschliisse. 
Ihr musst die Notwendigkeit anerkennen. 

Nach einer aufrichtigen und unbefangenen Priifung 
der mannmannlichen Liebe, nach einer Priifung, welche 
unter alien Umstanden der Wahrheit die Ehre giebt, 
welche bereit ist, der Wahrheit selbst eingewurzelte Vor- 
urteile und vorgefasste Meinungen zu opfern, — wird 
die Verfolgung dieser Liebe mit logischer Notwendig- 
keit eingestellt werden miissen: die strafrechtliche, die 
polizeiliche etc., sowie die der offentlichen Meinung*) 

*) Auch disziplinarisch, d. i. bei Staatadienern, hat der Staat 
meine8 Erachtens nicht das Recht, Uebung urnischer Liebe zu ver- 
folgen. Die katholische Kirche fordert von ihren Dienern nnbe- 
dingte lebensl&ngliche Nichtbefriedigung der geschlechtlichen Liebe* 
Ob diese ihre Fordernng, unter Berucksichtignng der Zwecke der 



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— 37 — 

Den beiden vorigen Jahrhunderten war es gegeben^ 
die Verfolgung von Ketzerei und Hexerei abzuschaffen. 
Unsrem Jahrhundert, ja hoffentlich unsrem 
Jahrzehnt, wird es vorbehalten sein, die Ver- 
folgung der mannniannlichen Liebe abzuschaffen. 

Unter euch Dioningen wird jeder Freund des Fort- 
schreitens zur Wahrheit und zur Gerechtigkeit dem Streben 
nach diesem Ziele seinen Beifall schenken, ja seine thatige 
Mitwirkung. Diese Mitwirkung ist hiermit erbeten. 

Der Kampf, den ich kampfe — zunachst ich allein — , 
ist zwar ein Kampf gegen die gesammte offentliche 
Meinung. Geistliche wie Laien, glaubige Christen wie 
Gottesleugner, Demokraten wie Konservative: sie alle 
habe ich in seltener Harmonie gegen mich. Allein es 
handelt sich hier weder um Glauben, noch um Sympathien 
oder Antipathien, sondern einmal um einfache Hinweg- 
raumung eines naturwissenschaftlichen Irrtums durch 
nackte Grunde und sodann um nackte Gerechtigkeit. 
Grunden aber wird nur der Voreingenommene sich ver- 
schliessen, und Gerechtigkeit zu gewahren wird nur der 
Ongerechte sich weigern. 

Kirche, recht odcr billig sei, ist im hoohsten Grade bestritton. Der 
Staat jedenfeils hat ni cht das Recht, von seinen Dienern das gleiche 
harte Opfer zu fordern. Niemand bezweifelt, dass er seine Zwecke 
auch ohne dies Opfer erfullen kftnne. Hat er aber dionischen Staats- 
dienern gegenuber dieses Recht nicht, so kann er es auch urnischen 
gegenuber nicht habcn. Um so weiiiger aber hat, in konkreten Fallen, 
der Staat dem Staatsdiener gegenuber eincn Anspruch auf dies Opfer 
und beziehungsweise das Recht, di6ziplinarisch gegen ihn einza- 
schreiten, wenn namlich der Staatsdiener dasselbe thatsachlich nicht 
bringt: dann, wenn er bei Knfipfung des Vertragsverhaitnisses, dem 
Beispiele der katholischen Kirche nicht folgend, es unterliess, jenes 
Opfer sich vertragsm&ssig auszubedingen. 



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Zweiter Absehnitt. 



Jarlstischer Nachweis, 

dass nach Deutschlands bestehenden Gesetzen 
Uebung angeborener mannmannlicher Liebe, 
als unter den Begriff naturwidriger Hand- 
lungen nicht fallend, straflos ist, und dass da- 
her strafrechtliche Untersuchungen wegen solcher 
Uebung gesetzlich iiberhaupt nicht statthaft sind, 
beziehungsweise dass begonnene Untersuchungen 
sofort einzustellen sind. 



I. 
Yorhandene Uebereinstimmung der lex lata mit der lexferenda. 

§. 35. Zur Abschaffung der strafrechtlichen Verfolg- 
ung der mannmannlichen Liebe wird es indess einer 
Abanderung der bestehenden Deutschen Strafgesetze 
durchaus nicht bediirfen. 

Mit den vorgetragenen Grundsatzen stimmen nam- 
lich diese Gesetze in Wahrheit vollkommen ii be rein: 
zwar nicht ihrer bisherigen faktischen Handhabung 
nach, da solche durch einen natiu*wissenschaftlichen Irr- 
tum affiziert war ; wohl aber nach ihrer richtigen ; von 



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— 39 — 

naturwissenschaftlichen Irrtiimern gereinig- 
ten, Handhabung. 

Stellen wir Urninge uns gerade unsererseits unter 
den Schutz der bestehenden Gesetze! Berufen wir uns 
gerade unsererseits auf dieselben! 

§. 36. Nach den bestehenden Deutschen Strafgesetzen 
ist namlich die Uebung mannmannlicher Liebe keines- 
wegs an sich mit Strafe bedroht, sondern ausdriicklich, 
und zwar dem Buchstaben wie dem Geiste nach, 
nur insofern, als sie widernattirlich*) ist. 

Insofern sie nicht unter den Begriff widernatiirlicher 
Liebesakte fallt, ist sie fiberall nicht mit Strafe be- 
droht. Die Widernaturlichkeit ist conditio sine qua non, 
notwendige Vorbedingung, der gesetzlichen Straf barkeit**). 

Bei Urningen also, denen mannmannliche Liebe an- 
geboren ist, und denen darum Uebung derselben natur- 
gemass ist: schliessen die Deutschen Gesetze 
alle und jede Bestrafung aus. Das Angeborensem 
der mannmannlichen Liebe ist also nicht etwa Straf- 
mi lderungsgrund, nein: 

Straf ausschliessungs grund. 



*) Anm. d. He r ansge ber*. Nach noueren reichsgerichtlichen Ent- 
scheidnngen werden „alle beischlafalinlichen Akto (( zwischen M&nnern, 
nicht etwa nor immissio in corpus alterius als strafwurdig angosehen, 
auf die Veranlagung des Beschuldigten wird dabei keinerlei Ruck- 
sicht gonommen. 

**) Auch das Ohristentum verbietet die Uebung mannmftnn- 
licher Liebe nur unter der Voraus. : etzung der Widernaturlichkeit. 
Vergl. ROm. Kap. I. Dies scheint mir fur oinen Jeden, der die Stelle 
mit einiger Aufmerksamkeit liest, so unzweifelhaft zu sein, dass ich 
kein Bedenken tragen wurde, mich selbst einem Konzilienbeschlusse 
zu unterwerfen. Kein Eonzil, w*»nn es der Wahrheitdie Ehre giebt, 
kdnnte einen anderen Ausspruch than. Jenes Kapitel ist die einzige 
Bibelstelle, welche ex professo und ausfdhrlich uber den Gegenstand 
handelt. Die tlbrigen schr kurzen Stellen der heiligen Schrift sind 
daher ihr gem&ss zu interpretieren. 



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— 40 — 

§. 37. Selbst der etwaige Nachweis folgenden Satzes 
wttrde vorstehende Satze nicht beeintrachtigen: 

Der Gesetzgeber sei, bei Erlass dieses Gesetzes, in 
dem naturwissenschaftlichen Irrtum befangen gewesen, 
dass er jeden Liebesakt von Seiten eines mannlich gebauten 
Individuums an einem Manne fur naturwidrig gehalten 
habe. Denn thatsachlich hat er ja doch nicht 

„Liebesakte von Seiten eines mannlich gebauten In- 

„dividuums an Mannern" 
mit Strafe bedroht, sondern ausdnicklich eben nur 

naturwidrige Liebesakte. 

Was naturwidrig sei? ob nur Selbstbefleckung und 
Coitus mit Thieren ? oder ausserdem auch Uebung mann- 
mannlicher Liebe? was naturwidrig sei und was nicht? 
rlicksichtlich dieser Fragen ist er weit entfernt, den all- 
gemeinen Begriffen irgend Schranken zu setzen, oder den 
Antworten der Wissenschaft auf diese Fragen irgend vor- 
zugreifen — der Wissenschaft, d. i. hier der Natur- 
geschichte des Menschen. 

Bei Beurteilung mannmannlicher Liebesakte hat 
daher der Gesetzgeber den Richter durchaus nicht selbst- 
standig hingestellt und ihn seinem eigenen Urteil 
uberlassen. Vielmehr hat er ihn vollkommen abh&ngig 
gestellt von der Entscheidung der Wissenschaft iiber 
die Frage: ob mannmannliche Liebesakte dem Einzelnen 
wirklich naturwidrig seien? oder ob etwa die bis- 
herige Ansicht, welcher keinerlei wissenschaftliche Prufung 
zu Grunde lag, eine irrige sei? 

§. 38. Einzelnen Falls handelt es sich daher fur den 
Richter lediglich um die Frage: 

ob das betreffende kSrperlich mannlich gebaute Indi- 

viduum zum Geschlecht der Urninge gehore ? d. i. o b 

ihm Liebe zu Mannern und Horror vor Weibern an- 

geboren sei? 

§. 39. Erkennbar ist dies daran: 



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— 41 — 

1) In welcher Richtung beim Eintritt der Puber- 
tat die Geschlechtsliebe in ihm hervortrat, ob auf 
Weiber, ob auf Manner gerichtet? 

2) In welcher Richtung seit Eintritt der Pubertat die- 
selbe sich kundgab? 

Aus Einzelheiten ist beides ziemjich leicht zu kon- 
statieren. Der Urning entwickelt sich namlich, in 
Riicksicht auf Eintritt der Pubertat etc., ganz analog 
dem Dioning und dem Weibe. 

3) An dem weiblichen Habitus, der erkennbaren 
ausseren Erscheinung des in uns wohnenden weib- 
lichen Elements. 



II. 

Gesetziiche. der StaatsbehOrde obliegende, Beweislast und 

Inhalt des von ihr zu erbringenden, zu einer Bestrafung gesetz- 

llch erforderlichen, Beweises. 

§. 40. Irre ich nicht, so ist iiberall, in unserem ganzen 
Deutschland, bei denunzierter mannmannlicher Liebe der 
bisherige Brauch folgender. Der Denunziat wird von den 
Dienern des Gesetzes nicht einmal befragt: 

in welcher Richtung beim Eintritt seiner Pubertat 
seine Geschlechtsliebe hervorgetreten sei? 

geschweige denn, dass von ihnen Material zusammen- 
geschafit werde, um ihrerseits ihm den Beweis zu 
liefern, auch ihm, wie anderen mannlich gebauten 
Individuen, sei Liebe zu Weibern angeboren und Horror 
vor Mannern. 

Und doch ist ja jedem Angeklagten der Anklage- 
grund zu beweisen, und zwar der gesamte Anklage- 
grund, also — besteht dieser in einer Copulative — seinen 
be id en Bestandteilen nach. So ist z. B, bei Ehren- 
krankungen dem Angeklagten zu beweisen nicht nur a) 
das factum injuriatorium, sondern auch b) der animus 



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— 42 — 

injuriandi. Beim Kameradendiebstahl nicht nur a) der 
Diebstahl, sondern auch b) das Kameradenverhaltnis. 
Dort istder animus injuriandi Vorbedingung der Straf- 
barkeit des injuriatorischen Faktums, hier das Kameraden- 
verhaltnis Vorbedingung der Strafbarkeit des Dieb- 
stahls als Kameradendiebstahl. 

§. 41. Hier also ist dem Angeklagten zu beweisen: 
nicht nur 

a) dass er in kflrperlicher Beriihrung eines Mannes 
einen Liebesakt begangen habe; 

sondern auch 

b) dass die Vorbedingung der gesetzlichen Straf- 
barkeit eines solchen Aktes erfullt sei, 

d. i. 
dass Liebesakte an Mannern ihm widernaturlich seien, 
dass also die Liebe des Dionings zu Weibern und der 
Horror des Dionings vor Mannern 

auch ihm 
angeboren sei. 

§. 42. Das Angeborensein der Dioningstriebe ist 
keineswegs etwas, was bei mannlich gebauten Indi vi- 
duen sich ohne weiteres von selbst versteht. Da 
namlich die Natur, wie gezeigt,, einer zahlreichen Klasse 
von Menschen neben mannlichem Korperbau Liebe zu 
Mannern und Horror vor Weibern einpflanzt, so beweist 
fur die Frage: 

„Sind dem Denunziaten die Triebe des Dionings an- 
geboren?" sein mannlicher Korperbau 
gar nichts. 
Unmoglich kann eine ganz vage Prasumtion: „auch 
dem Denunziaten werde wohl Liebe zu Weibern ange- 
boren sein tt , die Stelle des Beweises vertreten. Bei jedem 
einzelnen Individuum ist es ja rein quaestio facti, ob 
ihm Liebe zu Weibern oder zu Mannern angeboren ist. 
Gerade so gut konnte man in anderen Fallen in Ver- 



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— 48 — 

tretungder Beweisfiihrung prasumieren: „Denunziat werde 
wohl gefalscht, betrogen, falsch geschworen haben", und 
auf solche Prasumtion hin verurteilen. 

§. 43. Es ist meines Ermessens eine Missachtung 
nicht nur und Geringschatzung gegen uns, nein geradezu 
eine Ungerechtigkeit, dass der bisherige Brauch iiber den 
Punkt der dem Denunziaten angeborenen Richtung der 
Geschlechtsliebe so einfach und leicht hinwegschliipft: in 
der Sffentlichen Meinung, wie am Gericht. GehSrt denn 
dieser Punkt, der doch die gesetzliche Vorbedingung der 
Strafbarkeit ist, zu jenen minima, welche „ praetor non 
curat?" Ist er nicht vielmehr der Angelpunkt, 
urn den sich die Untersuchung zu drehen hat? 



III. 
OnmOglichkelt, diesen Bewels zu erbringen, und flemnach ge- 
setzliche UnzulSssigkelt einer strafrechtlichen Untersuchung. 

§. 44. Das Angeborensein der Dioningstriebe wird 
man einem Urning nun und nimmermehr nachweisen 
konnen. 

Sobald der Richter zu der Ueberzeugung gelangt, 
auf diesen Nachweis komme es an — und er kann 
sich unmoglich dieser Ueberzeugung verschliessen — : 
konnen wir, uns unter den Schutz der bestehenden Ge- 
setze stellend, alien Denunziationen und Kriminalunter- 
suchungen, allem schwarzen Verrat, getrost ins Auge 
sehen. 

Und wenn auch hundert Zeugen uns vorgefuhrt 
werden, Personen, die von unserem 14. oder 15. Lebens- 
jahre an ununterbrochen mit Argusaugen uns beobachten: 
dennoch werden sie nicht im Stande sein, auch nur die 
geringste Aeusserung geschlechtlichen Liebesgefiihls fur 
ein weibliches Wesen aus irgend einer Periode 



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— 44 — 

un seres Lebens zu bezeugen. Fiir das Gegenteil ge- 
rade, fiir unsere halbweibliche Urningsnatur, werden sie 
Zeugnis ablegen miissen. Namentlich fiir den uns an- 
klebenden weib lichen Habitus, sowie fur eine durch- 
aus weibliche Gemiitsart, werden sie durch Mitteilung 
von tausend kleinen einzelnen Ziigen Zeugnis ablegen 
miissen, also fiir jene naturwissenschaftliche Eigentiim- 
lichkeit der Urninge, welche dieselben von den Dioningen 
scharf unterscheidet, und welche ich in der zweiten 
Schrift anfuhren werde als einen der Hauptbeweisgriinde 
fiir unsere singulaire und selbststandige Natur. Je sorg- 
faltiger der untersuchende Richter hier forscht, desto 
deutlicher wird das direkte Gegenteil ans Tageslicht 
treten von dem, was er nach dem Gesetz uns zu beweisen 
hat, ehe er daran denken darf, uns zur Strafe zu ziehen. 
Er wird sich bald iiberzeugen, dass die gesetzliche Vor- 
bedingung der Verhangung einer Strafe nicht vorhanden sei. 

§. 45. Eine Untersuchung wegen Ehrenkrankung wird 
der Untersuchende pflichtmassig einstellen, sobald er sich 
iiberzeugt, ein animus injuriandi liege nicht vor, der An- 
geklagte habe z. B. im Schlaf einen beleidigenden Aus- 
druck ausgestossen oder in der Fieberphantasie. Es ware 
offenbar pflichtwidrig, die Untersuchung fortzusetzen, 
lediglich in der zwecklosen Absicht, zu konstatieren, welche 
beleidigenden Ausdrucke der Denunziat im Schlaf etc. 
ausgesprochen habe. 

Die Analogie dieses Falles ist bei uns vollstandig zu- 
treffend. Sobald der Untersuchende von unserer absonder- 
lichen Urningsnatur sich iiberzeugt, welche die Uebung 
mannmannlicher Liebe als unsnaturgemass erscheinen 
lasst, beziehungsweise, sobald er sich iiberzeugt, uns das 
Vorhandensein der Dioningsnatur in uns nicht nachweisen 
zu konnen: ist es fiir ihn lediglich zwecklos, zu kon- 
statieren, welche einzelnen Liebesakte zwischen dem 
Urning und einem jungen Manne in kdrperlicher Be- 



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— 45 — 

rfihrung vorgekommen seien, weil hier die gesetzliche 
Vorbedingung zum Einschreiten fehlt. Von dem 
Augenblick an, in welchem beim Untersuchen- 
den die Ueberzeugung von unserer Urnings- 
natur eintritt, beziehungsweise von der Un- 
moglichkeit der bezeichneten Beweisfiihrung: 
kann gesetzlich eine Untersuchung wider uns 
nicht gefuhrt, beziehungsweise nicht fortgesetzt 
werden. 



IV. 
Widerlegung elnes EInwandes. 

§. 46. Dem mochte man erwidern: 

„Fiir die Strafbarkeit oder Straflosigkeit mannmann- 

licher Liebesakte sei keinesweges nur die Frage ent- 

scheidend: ,ob dieselben uns naturgemass seien?' 

sondern auch die: ,ob sie dem, den wir lieben, natur- 

widrig seien?' Handle auch der eine, das Subjekt, 

seiner Natur gemass, so sei doch ftir den anderen, fur 

das Objekt, die Handlung naturwidrig. Durch Vor- 

nahme des fiir das Objekt naturwidrigen Aktes wider- 

fahre dem Objekt ein Unrecht, das am Subjekt zu 

ahnden sei g 

Auf den ersten Blick ist dieser Einwand schlagend. Allein 

ihn widerlegen nachstehende Griinde. Bei denselben haben 

wir folgende Begriffe zu unterscheiden, welche sich aus 

diesem Einwand selbst ergeben: „strafbar wegen subjek- 

tiver Naturwidrigkeit* und B strafbar wegen objektiver 

Naturwidrigkeit*. Unten werden aber noch die ferner 

zu unterscheidenden Begriffe hinzutreten: B naturgemass 

aus subjektiven Griinden* und ^naturgemass aus objektiven 

Griinden.* 

§. 47. I. Dieser Einwand scheint in der That auf 



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— 46 — 

einer Verwechslung zu beruhen, namlich auf einer Ver- 
wechslung folgender Begriffe: w Vornahme eines Liebes- 
aktes an einem jungen Manne wider dessen Willen" und: 
„Versuch, an ihm, aber mit seiner zu erlangenden Ein- 
wiBigrag, einen Liebesakt vorzunehmen.* Eine ratio hat 
der Einwand nor fan wrateren Falle, d. i. nur dann, wenn 
wir mit Gewalt, wider seinen Willen, Liebesakte 
an ihm vornehmen (beziehungsweise vQrauMbmen ver- 
suchen), nicht wenn wir mit seiner Einwillig- 
ung sie vornehmen (beziehungsweise versuchen, sie mit 
seiner Einwilligung vorzunehmen). Wo seine Ein- 
willigung fehlt, da ist er allerdings aus dem 
Gesichtspunkte des Objektes zu betrachten, dem 
ein zu siihnendes Unrecht geschehen ist: und 
da triftt die Strafbarkeit uns. Wo sie dagegen vorliegt, 
da ist so gut er Subjekt (Urheber) der betreffenden 
Handlung, wie wir. Ist dann die Handlung ihm natur- 
widrig: nun, so ist er ja selber Urheber der an ihm 
vorgenommenen ihm naturwidrigen Handlung, und so 
kann vemiinftiger Weise nur er strafbar sein fur die 
Urheberschaft einer ihm naturwidrigen Handlung, 
nicht fiir die Urheberschaft einer uns nicht natur- 
widrigen Handlung. Von einem ihm wider fa hrenen 
Unrecht, wie der Einwand will, kann hier nicht die 
Rede sein. Volenti non fit injuria. De se queri debet. 

Um so mehr muss die Verantwortlichkeit ihn selber 
treffen, als er seine Einwilligung ja leidenschaftslos gab: 
wahrend z. B. das Madchen, das dem jungen Manne 
Liebesgunst gewahrt, bestochen zu sein pflegt durch die 
Glut eigener Triebe. Der junge Dioning ist dem Madchen 
gefahrlich: nicht wir dem Dioning. 

§. 48. H. In der That scheint aber auch fur den 
Gesetzgeber, indem er naturwidrige Liebesakte fiir 
strafbar erklarte, nur subj ektive Naturwidrigkeit mass- 



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— 47 — 

gebend gewesen zu sein, nicht auch eine etwaige 
objektive. 

Dafur linden sich teils rationelle, teils positive An- 
haltspunkte. 

I. Rationelle Anhaltspunkte. 

§. 49. a) Fiir meine Ansicht streitet der innere Grund, 
den ich oben §. 17. angefuhrt habe: 

„Der uns obliegenden Verantwortlichkeit ge- 

„nugen wir, wenn wir dem Zuge, den eine hohere 

„Hand in unsere Brust gepflanzt hat, nicht wider- 

„streben, sondernfolgen. W.eitere Verantwortlichkeit 

^trifft uns nicht." 

Dass dasjenige, wozu dieser Zug hflheren Ursprungs uns 

antreibt, dem anderen moglicherweise naturwidrig is^ 

dafiir sind wir nicht mehr verantwortlich. So weit reicht 

unsere Verantwortlichkeit nicht. Es geniigt, wenn wir 

keine Exzesse begehen, keine Gewalt anwenden etc. 

Dies ist Vernunft und natlirliches Recht: und schwer- 
lich hat der Gesetzgeber von Vernunft und naturlichem 
Recht abweichen wollen. 

§. 50. b) Fiir meine Ansicht spricht auch noch aus 
einem anderen Gesichtspunkt die mutmassliche Absicht 
des Gesetzgebers. Schwerlich hat derselbe irgend einem 
der Staatsbiirger , irgend einem Menschen, der weder 
Eunuch ist, nod^em Geliibde abgelegt hat, unter An- 
drohung von Kriminalstrafen auferlegen wollen, sein ge- 
schlechtliches Naturbediirfniss seine ganze Lebens- 
zeit hindurch niemals auf dem Wege, den natura 
sua et sui generis ihn lehrt, zu befriedigen. 
Schwerlich hat er die Absicht gehabt, ihm die Aus- 
ubung eines seiner unbestreitbarsten MenSchen- 
rechte zu versagen. Und ferner: wie Dioningen und 
Weibern, so ist auch uns die Befriedigung des geschlfecht- 
lichen Bediirfnisses oft medizinisches Heilmittel; 



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— 48 — 

namlich die uns naturgemasse. Denn diese allein ist fiir 
uns mit der Einsaugung des magnetischen Stromes ver- 
bunden. Sollte nun er, der weltliche Gesetzgeber, wirk- 
lich wohl die Absicht hegen, irgend einem der Staats- 
biirger den Gebrauch dieses Heilmittels unter Androh- 
ung von Kriminalstrafen zu verbieten? Nach der ent- 
gegenstehenden Ansicht aber wiirde er gegen samtliche 
urnisch geborene Staatsbiirger gerade diese aller Ver- 
nunft wahrhaft Hohn sprechenden Absichten hegen, ja 
diese naturwidrigen Absichten: gegen die iibrigen 
Staatsbiirger nicht. Alle Vorwiirfe der Ungerechtigkeit, 
welche oben in Abschnitt I. unter IV. begrlindet worden 
sind, wxirden ihn treffen. Naturwidriges verbietend, wiirde 
er selber naturwidrig handeln. 

2. Positive Anhaltspunkte. 

§. 51. a) Bei der Strafbarerklarung des Coitus mit 
einem T hi ere ist dem Gesetzgeber offenbar nicht mass- 
gebend gewesen, dass dieser Coitus dem T hi ere natur- 
widrig ist, sondern nur, dass er es dem Menschen ist. 
Ware nur beim Verbot der Liebesakte zwischen Mann 
und Mann n e b e n der subjektiven Naturwidrigkeit auch 
noch die objektive ihm massgebend gewesen, wie der 
Einwand behauptet; ware also noch ein zweites selbst- 
standiges Moment der Strafbarkeit hinzuge- 
treten: so hatte er Liebesakte zwischen Mann und Mann 
verntinftigerweise hoher, etwa doppelt so hoch, fiir 
strafbar erklaren miissen, als Coitus zwischen Mensch 
und Thier. Da er beide Akte aber nur mit ein und der- 
selben Strafe bedroht, so folgt per argumentum ex contrario : 

in beiden Fallen war fiir ihn nur die subjektive 

Naturwidrigkeit massgebend. 

§. 52. b) Damit stimmt auch die Auslegung der frag- 
lichen deutschen Strafbestimmungen nach ihrem histo- 
rischen Ursprung iiberein. Sie alle wurzeln in der Karo- 



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— 49 — 

lina, indirekt in Rom. I. Erstere aber spricht nur von 
Akten: a. zwischen Mann und Mann, b. Weib und Weib, 
c. Mensch und Thier; die Bibelstelle nur von den beiden 
Akten a. und b. Mit den Akten a. b. c. driickt sich auch 
noch das osterreichische Strafgesetz von 1851 aus. Hie- 
nach ist also anzunehmen, die neueren Gesetze wollen 
ebenfalls nur die drei Akte a. b. c. mit Strafe bedrohen. 
Ist aber dieses richtig, so kommt nur die Strafbarkeit 
wegen subjektiver Naturwidrigkeit in Betracht, nicht auch 
die wegen objektiver: d. i. sobald ein bestimmter Akt dem 
Subj ekt nicht naturwidrig ist, ist er auch nicht strafbar. 
Denn nach dem Ausgefuhrten ist der Urning nicht Mann, 
sondern zwitterartiges Mann weib mit weiblicher Richtung 
der Geschlechtsliebe. Liebesakte zwischen einem solchen 
Individuum und einem Manne sind aber nicht mit Strafe 
bedroht, sondern zwischen Mann und Mann. Und zwar 
dieses sowohl dem Worte nach, als dem Sinne nach. 
Denn der Gesetzgeber, welcher von Mann und Mann 
sprach, dachte dabei ohne alien Zweifel auf beiden Seiten 
nur an einen wirklichen Mann. 

§. 53. III. Aus einem hoheren Gesichtspunkte end- 
lich ist es sogar tiberhaupt in Abrede zu stellen, 
dass es dem jungen Dioning naturwidrig sei, Liebes- 
genuss uns zu gestatten. 

Denn wohl verstanden: der Liebesakt zwischen 
Dioning und Weib, der dem Dioning doch naturgemass 
ist, ist ihm keineswegs bloss aus subj ekt iv en Grtinden 
naturgemass, sondern in gleichem Grade auch aus obj ek- 
tiven. D. i. nicht nur desshalb ist derselbe ihm natur- 
gemass, weil er in diesem Akte einen ihm selber na- 
turlichen Liebesgenuss gewahrt. Dasselbe gilt umge- 
kehrt. D. i. auch dem Weibe ist dieser Liebesakt aus 
dem angegebenen doppelten Gninde naturgemass. 

Ganz ebenso aber ist nun der Liebesgenuss zwischen 
Urning und Dioning, dem Dioning subjektiv zwar un- 

Ulrichs, Vindex. 4 



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— 50 — 

natiirlich, weil der Dioning namlich in demselben einen 
ihm selber naturlichen Liebesgenuss nicht geniesst. 
Wohl aber ist derselbe objektiv dem Dioning natiirlich, 
weil er namlich in demselben einen dem Urning natiir- 
lichen Liebesgenuss gewShrt. 

Diese objektive Nattirliehkeit liegt darin begriindet, 
dass die Natur dem jungen Dioning die wundersame 
Fahigkeit verliehen hat, dem Weibe wie demUr- 
ning den vollen reinen Liebesgenuss mit magnetischer 
Durchstromung zu gewahren*). 

In gewissem Grade analog ist der Fall, wenn junge und 
kraftige Personen des einen oder anderen Geschlechts 
mit alten, schwachen oder rekonvaleszenten Personen in 
korperlicher Beriihrung im Bette zubringen und durch die 
von ihnen ausgehende Lebenskraft die Lebenskraft jener 
beleben und starken. Dies hat noch niemand ihnen 
naturwidrig erklart. (Uebrigens ist dieses Zubringen im 
Bette mit alten etc. Personen den jungen schadlich, 
die korperliche Beriihrung mit einem Urning dem Dioning 
aber nicht, vorausgesetzt, dass der Urning nicht etwa 
ebenfalls alt, schwach oder rekonvaleszent ist.) [Vergleiche 
ubrigens noch §. 99. u. 100. der zweiten Schrift.] 

Diese objektive Nattirliehkeit fallt also ebenfalls nicht 
unter das: „ Minima non curat praetor". 

Jenes subjektive unnatiirliche wird nun aber ab- 
sorbiert durch dieses objektive natiirlich. Beides ist mit- 
hin gegen einander aufgehoben. 

§. 54. IV. Nun aber kommt noch hinzu, dass der 
Wortlaut der betreffenden Gesetze selbst in der That 



*) Dem Weibe, dem Urning und auchdem m&nnerliebenden Z witter. 
(Siehe oben §. 13.) Hatte der Einwand Recht, bo ware auch dieser 
Z witter strafbar far einen Liebesakt Kwiscben ihm and einem jungen 
Dioning, welcher einwilligt. Selbst der Munster'sche Zwitter, welcher 
einen Mann formlich heiratete, ware strafbar. Denn diesem Manne 
waren die Liebesakte zwiscben ihm und einer Zwitter-Gattin, 
sUbjektiv betrachtet, ja doch sicherlich nicht naturlich. 



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— 51 — 

keineswegs das enthalt, was der Einwand darin zu finden 
scheint. Der Wortlaut gewahrt durchaus keinen Anhalts- 
punkt, eine zwiefache Strafbarerklarung darin zu finden, 
eine aus subjektiven Grunden, wegen subjektiver Natur- 
widrigkeit, und daneben eine andere aus objektiven 
Grunden, wegen objektiver Naturwidrigkeit. Nur eine 
vielmehr ist darin zu finden, welche aber, als das Zu- 
nSchstliegende, als die aus subjektiven Grunden aufzu- 
fassen ist. Die aus objektiven Grunden darin zu befinden, 
daftir gewahrt der Wortlaut des Gesetzes Iiberall keinen 
Anhaltspunkt. 

§. 55. V. Sollte nach allem irgend ein leiser Zweifel 
noch ubrig sein, so gilt der calculus Minervae. Als im 
Rath zu Athen zwOlf Stimmen ein schwarzes sufiragium 
abgaben, zw5lf ein weisses, und der Rat ratios war: 
da erschien Pallas Athene und warf einen weissen Stein 
in die Urne. 

§. 56. Die Auf hellung des bisher verbreitet gewesenen 
naturwissenschaftlichen Irrtums stiirzt die bisherige 
Handhabung der bestehenden Gesetze. Die bisher 
vollzogenen Bestrafungen lasst sie im Lichte bona fide 
begangener Justizmorde erscheinen. 

Alle Juristen rufe ich auf, ihre Stimme zu erheben, 
auf dass der Fortsetzung bona fide begangener Justiz- 
morde ein Ziel gesteckt werde. 

Carl Heinrieh Ulriohs. 

(Numa Numantius.) 



-^>-o-<^. 



Druck yon G. Reichardt in Groitzsch. 



WW/ 



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Im Verlage von Max Spohr in Leipzig sind in 
neuester Zeit folgende Schriften iiber die Frage der Homo- 
sexualitat erschienen: 

Das Recht des dritten Geschlechts. Yon James von 

Wilpert. Preis Mk. 1. — 

Die Manner des B&tsels inid der § 175 des deutschen 

Reichsstrafgesetzbuchs. Ein Beitrag zur Losung einer 

brennenden Frage. Von Ludwig Frey. 

Preis Mk. 4. — 
Die krankhafte Liebe. Eine psycho-pathologische Studie 

von Dr. Emil Laurent, friiher Arzt im Hanpt- 

krankenhause der Pariser Gef angnisse. Preis Mk. 4. — 
Die homogene Liebe und deren Bedeutnng in der freien 

Gesellschaft. Von Edward Carpenter. 

Preis Mk. 1.20 
Die verkehrte Geschlechtsempfindung oder die mann- 

mannliche und wtibweibliche Liebe. Von Dr. med. 

Norbert Grabowsky. 2. vermehrte Auflage. 

Preis Mk. 1.20 
Der Eontr&rsexnalismus inbezug aufEhe und Frauen- 

frage. Preis Mk. — .80 

Der Eros und die Eunst. Ethische Studien. Von 

Ludwig Frey. Preis Mk. 6. — 

Die hellenische Liebe in der Gegenwart. Psycho- 

logische Studien von Otto deJoux. Preis Mk. 4. — 
Der Urning vor Gerieht. Ein forensischer Dialog. Von 

Dr. Melchior Grohe. Preis Mk. — .50 

Die Enterbten des Liebesgliickes oder das dritte Ge- 

schlecht. Von Otto de Joux. Preis Mk. 4. — 
Der Fall Wilde und das Problem der Homosexualitat, 

Ein Prozess und ein Interview von Os Sero. 

Preis Mk. 1.50 



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Sappho und Sokrates oder Wie erklart sich die Liebe 

der Frauen und Manner zu Personen des eigenen 

Geschlechts. Von Dr. med. Th. Rami en. 

Preis Mk. 1. — 
Das Problem der Homosexuality. Von Oswald 

Oskar Hartmann. Preis Mk. 1. — 

Die mannweibliche Natur des Menschen mit Beriick- 

sichtigung des psychosexuellen Hermaphroditismus. 

Von Dr. med. Norbert Grabowsky. 

Preis Mk. 1.— 
Die Schuld der VSter oder 1st die gleichgeschlechtliche 

Liebe eine Siinde? Von Han8 Hermann. 
Ein WeibI Psychologisch-biographische Studie iiber eine 

Kontrarsexuelle. Von * * * Preis Mk. 4. — 



Die Verlagsbuchhandlung von Max Spohr in Leipzig 

empfiehlt ferner: 

Der Kontrarsexuale vor dem Strafrichter. Von Prof. 

Dr. v. Krafft-Ebing. Preis Mk. 3.— 

Strafgesetz und widernatftrliche Unzucht von Dr. med. 

v. Erkelens. Preis Mk. 1. — 

Die kontrare Sexualempflnduug. Mit Benutzung amt- 

lichen Materials. Von Dr. med. Alb. Moll. 

Preis Mk. 6. — 
Psychopathia sexualis mit besonderer Beriicksicbtig- 

ung der kontrSren Sexualempflnduug. Von Prof. 

Dr. R. v. Krafft-Ebing. Preis Mk. 10.— 

Neue Forscbungen auf dem Gebiet der Psychopathia 

sexualis. Von Prof. Dr. v. Krafft-Ebing. 

Preis Mk. 3.60 
Das kontrare Gescblecbstgefiibl. Von Ellis und 

Symonds. Preis Mk. 6. — 

Untersucbungen fiber die Libido sexualis. Von Dr. 

med. Alb. Moll. 2 Bande. Preis Mk. 18 — 

Die Entwickelung der Homosexuality von Marc 

Andre* Raffalovich. Preis Mk. 1.20 

Naturrecbt oder VerbrechenI Eine Studie iiber weib- 

liche Liebe bei Mannern und umgekehrt. Von 

Johannes Guttzeit. Preis Mk. 1.20 

Bubi. Eine Novelle. Von Aurelius. Preis Mk. 3. — 



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Verlag von Max Spohr in Leipzig. 



Die 



Enterbten des Liebesgifickes 

oder 

Das dritte Gesehlecht 

Von 

Otto de Joux. 

Preis 4 Mark. Preis 4 Mark. 



Bin durchaus eigenartiges Bnch, welches in alien Kreisen der 
Gesellficliaft holies Interesse wachrufen und berechtigtes Aufsehen 
erregen wird. Der als Aesthetiker bestbekannte Autor behandelt in 
demselben das bisher uogelOste Problem der Zwitterseelen, das game 
verkehrte geistige und sexuelle Empfinden aller unghicklichen Men- 
schen, in dercn Brust zwei Seelen wohnen, jener Manner also, welche 
dnrohans als Frauen, jener Frauen, welche ganz als Manner fuhlen 
and begehren, handeln und lieben, in ungemein fesselnder, klarer 
und geistvoller Weise. Es finden rich in diesem, sowohl .der Form 
als dem Inhalte nach ausgeseiohneten "Werke, Biographien hervor- 
ragender Zwiotlinge, Fragmente ana Tagebuchern, seltsame erotische 
Erlebnisse, Poerien und Schilderungen, alle die geheimen Entzack- 
ungen, Verirrungen und uns&glichen Leiden des Mischgeschlechtes 
in anregendem Wechsel, welche geeignet rind uber das Leben dieser 
merkwurdigen Doppelmenschen, deren Existens bisher in tiefstes 
Geheimnis gehiillt und sogar dem universell Gebildeten, dem hervor- 
ragenden Psychologen ein Buch mit nbyllinischem Inhalte geb lieben, 
hellstes Licht an verbreiten. 

"Wir ktanen demnach diese nene litterarische Erscheinung Jeder- 
mann aof das W&rmste anempfehlen. 



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Verlag von Max Spohr in Leipzig. 

Ein nenes, epochemachendes Werk filler das 
Problem der Homosexoalltat. 



Der Eros und die Kunst. 

Ethisehe Studien 

yon 

Ludwig Prey. 

-t~ 856 Seiten Oktav, Preis 6 Mark. -*- 



Ein in der Htterarischen Welt Deutschlands angesehener Schrift- 
steller, dem das Manuskript vorgelegen, ftussert sich fiber dasselbe 
folgendermassen : 

„Das Werk wird voraussicbtlich nllgemein eine grosse Ueber- 
raschung hervorrufen und kann insofern scnsationell genannt werden 
als es ein ganz neues Forscbungsgebiet erscbliesst nnd andere Be- 
strebnngen in der Bichtung der modernsten psychologischen Unter- 
suchungen erganzt nnd erweitert. Es behandelt einen wissenschaft- 
lichen Gegenstand, dem erst in den letzten Jahrzehnten eine Gruppe 
yon Gelehrten nfihergetreten ist nnd der noch immer durch ver- 
altete Vorurteile verscbleiert nnd verzerrt erscbeint. In unmittel- 
barer, wenn auch nicht beabsicbtigter Verbindung mit den epoche- 
macbenden Aufkl&rungen, welche dnrcb den beruhmten Psychiater 
Krafift-Ebing gegeben wurden, gew&hrt das Bnch ausfiihrlichere, 
auf sorgftltigen nnd gewissenbaften Studien bernbende Mitteilnngen 
fiber eine ganze Reibe von Pers5nlicbkeiten, anf welcbe in den 
Monograpbien von Krafft Ebing, Moll n. a oft Bezug genommen 
ist; es kann also gewissermassen als Ergftnznng zn den leizteren 
gelten. Der sittlicbe Ernst, mit dem der Yerfasser an seine Auf- 
gabe berantritt, wird sein Werk vor jedem Missverstftndnisse schutzen 
nnd demselben eine geacbtete Stellung nnter den Novitftten anf dem 
Gebiete der Aesthetik und Psycbologie sichern." 

Sowobl bei ansubenden Kunstlern als Kunstfreunden wie nicbt 
minder bei Aerzten, Psychol ogen, Geistlicben, Erziehern und nament- 
lich Juristen, kann dem Buohe eine wohlwollende Aufnahme in Aus- 
siont ge8tellt werden. 



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Verlag von Max Spohr in Leipzig. 

§ 175 des Reicbsstrafgesetzbachs. 

Die homosexuelle Frage 

im Urteile der Zeitgenossen. 

Bearbeitet von Dr. med. M. Hirschfeld. 
Prels 191k. 1.50. 

In der Zeitschrift „Der Natorarzt" nrteilt der bekannte Schrift- 
atelier R. Gerling folgendermassen uber dieses Bach: 

Ich begrusse das Erscheinen dieses Baches mit hoher Freude, 
denn es wird berafen sein, breitc Schichten des Volkes uber die 
Bedeutung der verkehrten Geschlechtsempfindung aafzukl&ren. Mit 
heissem Bemdhen hat auch Schreiber dieser Zeilen seit Jahren 
daran gearbeitet, diese Aufklarung zu verbreiten, aber ein Bach 
— dieses Bach vermag mehr, and es sollte in keiner Bibliothek 
fehlen. Ganz and gar schliesse ich mich dem Aasrafe eines be- 
kannten Joristen an, der d<»m Verfasser schrieb: „Das ist kein 
Bach, das ist eine That!" — Wahrlich es gehSrt Mat dazu, diese 
Frage Sffentlich zu diskatieren. Dr. Hirschfeld hat diesen Mat 
gefanden, Taasende, die dem dritten Geschlecht, den „Entcrbten 
des Liebesglucks" angeh6ren f werdens ihm danken, and wenn or 
vielleicht hier and dort verstandnislosen Anfeindangcn begegnen 
sollte, so mag ihn das Wort Simons, des Galilaers, erheben, welches 
er seinem Bache als Motto vorangestellt hat: „H5her als Gesctz 
and Opfer steht die Liebe!* 



Das Kind und die 
gesehleehtliehe Entwickelung. 

Von Robert Dencker. 

Preis 1 Mark. 

Das Bach behandelt in wissenschaftlicher Weise seinThema er- 
schdpfend and ist deshalb namentlich fttr Eltern sehr lesenswert, da 
sie eine Fiille von beherzigenswerten Mahnangen and Ratschlagen 
in dem Bnche finden werden. 



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Im Verlage von Max Spohr in Leipzig sind neu 
erschienen samtliche Schriften von 

Karl Heinrieh Ulriehs, 

(Numa Numantius) 
wciland kgl harinuv. Amtbassessor 
und zwar: 
jjVindex". Sozial-juristische Studien iiber mann-nmnnliche 

Geschlechtsli ebe. 
„Inclusa". Anthropologische ^Studien iiber mannmannliehe 

Geschlechtsliebe. 
„Vindicta ft Kampf fiir Freiheit von Verfolgung. 
jjFormatrix". Anthropologische Studien iiber urnische 

Liebe. 
„Ara spei ft . Moralphilosophische und sozialphilosophische 

Studien iiber urnische Liebe. 
„G1adius furens". Provokation an den deutschen Juristen- 

tag. 
^Meinnon^. Die Geschlechtsnatur des mannliebenden 

Urnings. Korperlich-seelischer Hermaphroditismus. 

2 Teile. 
^Incubus". Urningsliebe und Blutgier. 
^Argonauticus". Zastrow und die Urninge des pietist- 

ischen, ultramontanen und freidenkenden Lagers. 
^Prometheus 46 . Beitrage zur Erforschung des Naturratsels 

des Uranismus und zur Erorterung der sittlichen und 

gesellschaftlichen Interessen des Urningtums. 
„Araxes a . Ruf nach Befreiung der Urningsnatur vom 

Strafgesetz 
„Kritische Pfeile". Denkschrift iiber die Bestrafung der 

Urningsliebe. 

Die erste Ausgabe dieser Schriften istr im Buchhandel 
bekanntlich langst vergriffen, antiquarische Exemphire sind 
selten und ev. nur zu enorm hohen Liebhaberpreisen zu 
haben; es wird daher die Neuherausgabe dieser hock- 
interessanten Werke weiten Kreisen sehr willkommen sein. 

Jedes Werk ist auch einzeln kauflich. Bestellungen 
erbitte. 



Die Verlagsbuchhandlung. 



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